Weniger als zwölf Stunden nach ihrer Hochzeit bekam Renata Lozano von ihrer Schwiegermutter eine Ohrfeige, die ihre Lippe aufplatzen ließ. Fast dreißig Verwandte standen im Esszimmer der Familienvilla am Stadtrand von Pachuca und sahen zu, wie Doña Elvira von ihr verlangte, vor ihrem Schwager auf die Knie zu gehen und ihm das Frühstück zu servieren. Niemand widersprach. Niemand stand auf. Und der Mann, dem Renata am Vorabend versprochen hatte, ihn zu lieben und mit ihm durchs Leben zu gehen, trank seelenruhig sein Bier, als wäre die Demütigung seiner Frau eine ganz gewöhnliche Familiensache.
Noch am Tag zuvor hatte Renata geglaubt, das Glück endlich gefunden zu haben. Mit siebenundzwanzig Jahren hatte sie sich nach zwei Jahren Beziehung mit Mauricio Cárdenas das Ja-Wort gegeben. Sie hatte sich eine kleine, liebevolle Familie vorgestellt, ein Zuhause, in dem man gemeinsam frühstückte, Probleme besprach und sich gegenseitig unterstützte. Mauricio hatte ihr genau das versprochen. Er hatte ihr Blumen an den Arbeitsplatz gebracht, ihrem Vater bei Reparaturen geholfen und oft gesagt, dass er niemals so werden wolle wie Männer, die glaubten, eine Frau müsse schweigen, nur weil sie verheiratet sei.
„Wenn wir irgendwann Kinder haben, sollen sie in einem Haus aufwachsen, in dem niemand Angst haben muss, seine Meinung zu sagen“, hatte er einmal zu ihr gesagt.
Renata hatte ihm geglaubt. Sie hatte geglaubt, dass seine Freundlichkeit echt war, dass seine Aufmerksamkeit von Liebe zeugte und dass seine Mutter, die ihr gegenüber manchmal kühl und fordernd auftrat, sich mit der Zeit an sie gewöhnen würde.
Die Hochzeit fand in einer Quinta außerhalb von Pachuca im mexikanischen Bundesstaat Hidalgo statt. Es war ein warmer Abend gewesen. Über den Tischen hingen Lichterketten, weiße Blumen standen in schlichten Vasen, und die Musik hatte bis spät in die Nacht gespielt. Renata trug ein schlichtes Kleid, das ihre Mutter Beatriz mit ihr ausgesucht hatte. Ihr Vater Arturo hatte sie zum Altar begleitet und ihr vor dem Beginn der Zeremonie leise gesagt: „Wenn du mit diesem Mann glücklich bist, werde ich mich immer für dich freuen. Aber vergiss niemals, dass du auch ohne ihn vollständig bist.“
Damals hatte Renata gelächelt und seine Hand gedrückt. Sie hatte geglaubt, die Worte seien nur die Sorge eines Vaters, der seine Tochter in einen neuen Lebensabschnitt gehen sah.
Mauricio hatte während der Feier immer wieder ihre Hand gehalten. Er hatte mit ihr getanzt, sie vor den Gästen geküsst und sich bei ihren Eltern dafür bedankt, dass sie ihm ihre Tochter anvertrauten. Als Renata ihm sagte, dass sie sich auf das gemeinsame Leben freue, hatte er ihr ins Ohr geflüstert: „Ab morgen beginnt unser richtiges Zuhause.“
Doch dieses Zuhause sollte sich am nächsten Morgen als ein Ort erweisen, an dem sie nicht einmal das Recht haben sollte, in Ruhe zu schlafen.
Renata hatte kaum drei Stunden geschlafen, als kräftige Schläge gegen die Schlafzimmertür sie aus dem Schlaf rissen. Für einen Moment wusste sie nicht, wo sie war. Dann hörte sie die Stimme ihrer Schwiegermutter.
„Renata! Steh endlich auf. Du bist jetzt eine verheiratete Frau. Hier bleibt niemand im Bett liegen, während die Familie Hunger hat.“
Renata setzte sich auf. Ihr Kopf schmerzte von der langen Feier, ihre Füße waren vom Tanzen geschwollen, und das Hochzeitskleid lag noch immer über einem Stuhl. Sie sah auf die Uhr. Es war kurz nach sieben.
„Ich komme gleich, Doña Elvira“, antwortete sie.
„Nicht gleich. Jetzt.“
Die Schritte entfernten sich. Renata blieb einige Sekunden sitzen und versuchte, die Schärfe in der Stimme ihrer Schwiegermutter einzuordnen. Vielleicht war Elvira einfach eine Frau, die morgens viel zu erledigen hatte. Vielleicht war es in ihrer Familie üblich, dass die Schwiegertochter nach einer Feier beim Aufräumen half. Renata wollte keinen Streit. Sie wollte nicht schon am ersten Morgen als schwierig gelten.
Sie zog ein einfaches Kleid an, band ihre Haare zusammen und ging nach unten.
Das Esszimmer sah aus, als hätte dort eine kleine Feier stattgefunden, obwohl die eigentliche Hochzeit erst wenige Stunden zurücklag. Auf den Tischen standen leere Flaschen, benutzte Teller und Gläser. Überall lagen Servietten und Blumenblätter. In der Küche stapelten sich Töpfe, und der Boden war von verschütteten Getränken klebrig.
Doña Elvira stand vor dem Herd und verteilte Anweisungen, als leite sie ein Restaurant.
„Die Gläser zuerst. Dann den Boden. Danach machst du das Frühstück fertig. Die Männer werden bald kommen.“
„Natürlich“, sagte Renata.
Sie begann aufzuräumen. Sie wusch Gläser, sammelte Teller ein, fegte Blumenblätter zusammen und wischte den Boden. Anschließend erwärmte sie die Reste des Hochzeitsessens: Barbacoa, Consomé, Reis und Bohnen. Sie stellte die Töpfe auf den Herd und deckte den Tisch für die Verwandten, die nach und nach aus den Gästezimmern und dem Innenhof kamen.
Mauricio war nicht zu sehen.
Als Renata durch die offene Terrassentür blickte, entdeckte sie ihn im Innenhof. Er saß mit seinen Onkeln an einem Tisch, lachte über irgendeinen Witz und hielt eine Bierflasche in der Hand. Seine Hemdsärmel waren hochgekrempelt, und er sah so aus, als hätte er die Nacht gut geschlafen.






