Das Klirren des Weinglases hallte durch den prunkvollen Festsaal, als hätte jemand einen Schuss abgefeuert.

Für einen Augenblick verstummte die Musik. Gespräche brachen mitten im Satz ab, und fast hundert Gäste drehten sich gleichzeitig zu der Stelle um, an der eine ältere Frau auf dem glänzenden Marmorboden kniete. Rotwein lief über ihr graues Haar, tropfte von ihrem Kinn und färbte den Kragen ihrer schlichten, beigefarbenen Bluse dunkelrot. Neben ihr stand eine junge Frau in einem maßgeschneiderten Abendkleid, die eine Hand in die Hüfte gestemmt hatte und sie mit einem Ausdruck betrachtete, der zwischen Ekel und unverhohlener Verachtung lag.

„Kannst du dich nicht ein einziges Mal beeilen?“, zischte sie. „Willst du meine Feier mit deiner Langsamkeit ruinieren?“

Die ältere Frau hielt den Blick gesenkt. Ihre Hände zitterten, als sie versuchte, die Scherben einzusammeln, die von einem umgestoßenen Weinglas auf dem Boden verstreut lagen.

„Es tut mir leid, gnädige Frau“, flüsterte sie. „Ich wollte niemandem im Weg stehen.“

„Gnädige Frau?“ Die junge Frau lachte kurz und scharf. „Hast du überhaupt verstanden, wo du hier bist? Das ist eine Gala und kein Altersheim. Menschen wie du sollten froh sein, wenn sie überhaupt in die Nähe eines solchen Saals kommen dürfen.“

Einige Gäste tauschten betretene Blicke aus. Andere wandten sich ab, als hätten sie plötzlich etwas besonders Interessantes an ihren Champagnergläsern entdeckt. Niemand bewegte sich. Niemand wollte sich mit einer Frau anlegen, deren Vater zu den mächtigsten Unternehmern des Landes gehörte und deren Hochzeit mit einem der reichsten jungen Männer Deutschlands seit Monaten in den Gesellschaftsspalten angekündigt wurde.

Die ältere Frau hob langsam den Kopf.

„Bitte“, sagte sie mit brüchiger Stimme. „Ich werde alles aufwischen. Sie müssen sich nicht aufregen.“

„Du wirst überhaupt nichts mehr tun, außer das, was ich dir sage!“ Die junge Frau deutete auf den Boden. „Da ist dein Platz. Also mach dich nützlich.“

Dann geschah etwas, womit niemand im Saal gerechnet hatte.

Am anderen Ende des Raumes stand ein junger Mann in einem schwarzen Smoking. Er hatte gerade mit einem ausländischen Geschäftspartner gesprochen, als er das Klirren hörte. Zunächst hatte er sich nur beiläufig umgedreht. Doch als er die kniende Frau erkannte, verschwand jede Farbe aus seinem Gesicht.

Das Champagnerglas glitt aus seinen Fingern und zerschellte auf dem Marmor.

Er hörte es kaum.

Seine Mutter.

Es war seine Mutter, die dort auf dem Boden kniete.

„Mama?“

Das Wort verließ seine Lippen so leise, dass es in dem plötzlichen Schweigen beinahe unterging. Dann setzte er sich in Bewegung. Mit jedem Schritt schien sich etwas in seinem Gesicht zu verändern. Die Überraschung wich Entsetzen, das Entsetzen einer Wut, die er kaum noch kontrollieren konnte.

„Mama!“

Diesmal hörten ihn alle.

Die ältere Frau blickte auf. Als sie ihren Sohn erkannte, weiteten sich ihre Augen. Für einen kurzen Moment lag Erleichterung darin. Gleich darauf versuchte sie jedoch, sich aufzurichten und ihre durchnässte Bluse mit zitternden Händen zu glätten.

„Lukas“, flüsterte sie. „Mein Junge, bitte mach keine Szene.“

Doch Lukas Hartmann hörte diesen Satz kaum. Er kniete sich neben sie, zog sein Jackett aus und legte es vorsichtig um ihre Schultern. Dann nahm er ihre Hände, die von den scharfen Glassplittern leicht verletzt waren.

„Wer hat dir das angetan?“

Seine Mutter schüttelte den Kopf.

„Es war nur ein kleines Missgeschick.“

Lukas betrachtete den Rotwein in ihrem Haar, die Scherben auf dem Boden und die geröteten Knie, die unter dem schlichten Rock hervorschauten. Dann hob er langsam den Blick.

Seine Verlobte stand nur wenige Schritte entfernt.

Victoria von Falkenried.

Die Frau, mit der er in drei Wochen vor den Traualtar treten sollte. Die Frau, deren Verlobungsring mehr gekostet hatte als das Haus, in dem seine Mutter ihre letzten zwanzig Jahre verbracht hatte. Die Frau, die er bis vor wenigen Sekunden noch für einen Menschen gehalten hatte, mit dem er den Rest seines Lebens verbringen könnte.

„Victoria“, sagte er.

Seine Stimme war ruhig. Gerade diese Ruhe ließ mehrere Gäste unwillkürlich zurückweichen.

„Was ist hier passiert?“

Victoria blinzelte, als müsse sie sich erst daran erinnern, dass sie nicht mehr allein war. Dann setzte sie ihr gewohntes Lächeln auf.

„Liebling, du verstehst das falsch. Diese Frau hat den Wein verschüttet. Ich wollte lediglich verhindern, dass jemand ausrutscht.“

Lukas sah auf die Knie seiner Mutter.

„Indem du sie auf den Boden zwingst?“

„Ich habe sie nicht gezwungen! Sie hat sich selbst hingekniet.“

„Und warum?“

„Weil sie das Chaos beseitigen wollte.“

„Weil du es ihr befohlen hast.“

Victoria öffnete den Mund, doch Lukas hob eine Hand.

„Wage es nicht, sie noch einmal anzuschreien.“

Zum ersten Mal an diesem Abend wich die Selbstsicherheit aus Victorias Gesicht.

„Lukas, bitte. Alle sehen uns an.“

Er blickte kurz über die Menge. Tatsächlich starrten ihn fast hundert Menschen an. Manche wirkten schockiert, andere beschämt, wieder andere warteten mit unverhohlener Neugier darauf, wie sich die Szene entwickeln würde.

„Gut“, sagte er. „Dann sollen alle sehen, was für ein Mensch du bist.“