Der erste Schrei hallte durch die prachtvolle Lobby des Solmere Hotels, als Victoria Sterling die junge Frau am Arm packte und sie mit brutaler Kraft über den polierten Marmorboden zerrte.

„Verschwinde!“, schrie sie. „Hast du mich nicht verstanden? Menschen wie du gehören nicht hierher!“

Ihre Stimme war so laut, dass selbst das leise Klirren der Champagnergläser verstummte.

Unter den gewaltigen Kristallleuchtern drehten sich Dutzende Gäste um. Männer in maßgeschneiderten Anzügen, Frauen in kostbaren Abendkleidern und internationale Geschäftsleute, deren Vermögen ganze Länder übersteigen konnte, beobachteten die Szene mit einer Mischung aus Neugier und Unbehagen.

Niemand wagte es, einzugreifen.

Die junge Frau trug eine schlichte schwarze Hose, eine abgenutzte Bluse und flache Schuhe, die vom Regen durchnässt waren. Ihr dunkles Haar klebte an ihren Wangen. Auf ihrem linken Handrücken verliefen mehrere blutige Kratzer, und an ihrer Wange zeichnete sich ein dunkler Bluterguss ab.

Sie hatte sich nicht gewehrt, als Victoria sie gepackt hatte.

Sie hatte lediglich versucht, sich loszureißen.

„Bitte lassen Sie mich los“, sagte sie ruhig.

Diese Ruhe machte Victoria nur noch wütender.

„Du wagst es, mir Befehle zu geben? Weißt du überhaupt, wer ich bin?“

Die junge Frau sah sie an.

„Ja“, antwortete sie. „Ich weiß sehr genau, wer Sie sind.“

Victoria lachte verächtlich.

„Dann solltest du wissen, dass ich hier entscheide, wer willkommen ist und wer nicht.“

Sie zog die Fremde weiter über den Boden, bis deren Schulter gegen den Rand eines niedrigen Marmorsockels stieß. Ein leises Stöhnen entwich der jungen Frau. Einige Gäste zuckten zusammen, doch niemand bewegte sich.

Victoria trug ein eng geschnittenes Kleid aus smaragdgrüner Seide. Diamanten funkelten an ihrem Hals, und an ihrem Handgelenk glitzerte eine Uhr, deren Preis dem Jahreseinkommen vieler Menschen entsprach.

Sie war die Verlobte von Adrian Sterling, dem Vorstandsvorsitzenden der Sterling Hospitality Group, eines Unternehmens, das seit Jahren eng mit dem Solmere-Imperium verbunden war.

Zumindest glaubte sie, dass diese Verbindung sie unantastbar machte.

„Rufen Sie die Sicherheitsleute!“, befahl Victoria einem Mitarbeiter an der Rezeption. „Und sorgen Sie dafür, dass diese Frau nie wieder einen Fuß in dieses Gebäude setzt!“

Der junge Rezeptionist zögerte.

„Madam, vielleicht sollten wir zunächst klären, was passiert ist.“

Victoria fuhr herum.

„Was hast du gerade gesagt?“

„Ich meinte nur, dass wir—“

„Du bist hier, um zu arbeiten, nicht um zu denken!“

Der Mitarbeiter verstummte.

Victoria wandte sich wieder der jungen Frau zu und beugte sich dicht zu ihr hinunter.

„Sieh dich um. Diese Menschen gehören zur Elite. Sie bewegen Milliarden, sie bestimmen Märkte, sie erschaffen Arbeitsplätze. Und du? Du bist niemand.“

Die junge Frau blickte an Victoria vorbei zu den Gästen.

Ein älterer Mann mit silbernem Haar hatte sein Champagnerglas abgestellt. Eine Frau in einem weißen Abendkleid hielt sich die Hand vor den Mund. Ein junger Geschäftsmann schien sein Telefon heben zu wollen, ließ es jedoch wieder sinken, als Victoria ihn ansah.

Die junge Frau atmete langsam aus.

„Sie sollten vorsichtig sein mit dem, was Sie über Menschen sagen, die Sie nicht kennen.“

Victoria erstarrte für einen Moment.

Dann schlug sie der Fremden die Hand aus dem Gesicht, als diese versuchte, sich aufzurichten.

„Ich habe genug von deinen Belehrungen!“

Die junge Frau verlor das Gleichgewicht und fiel auf die Knie.

Ein dumpfes Geräusch hallte über den Marmorboden.

In diesem Augenblick öffneten sich die Türen des privaten Aufzugs auf der gegenüberliegenden Seite der Lobby.

Der Generaldirektor des Solmere Hotels, Thomas Reinhardt, trat heraus. Neben ihm gingen zwei Mitglieder der internen Sicherheitsabteilung, die ihn gerade über eine ungewöhnliche Meldung aus dem Kontrollsystem informieren wollten.

Thomas war seit achtzehn Jahren für das Hotel tätig. Er hatte Staatsoberhäupter empfangen, internationale Krisen bewältigt und Geschäftsabschlüsse begleitet, bei denen Summen in Milliardenhöhe auf dem Spiel standen.

Er war ein Mann, der nur selten die Beherrschung verlor.

Doch als er die junge Frau auf dem Boden sah, blieb er abrupt stehen.

Sein Blick fiel zunächst auf die blutigen Hände.

Dann auf das Gesicht.

Und schließlich auf das schmale silberne Medaillon, das aus dem Kragen ihrer Bluse hervorschaute.

Thomas wurde kreidebleich.

„Nein“, flüsterte er.

Einer der Sicherheitsmitarbeiter sah ihn verwundert an.

„Herr Reinhardt?“

Thomas antwortete nicht.

Er ging langsam auf die junge Frau zu. Mit jedem Schritt schien sich sein Gesichtsausdruck weiter zu verändern. Unglaube wich Entsetzen, und das Entsetzen verwandelte sich schließlich in eine Erkenntnis, die ihm die Knie weich werden ließ.

Victoria bemerkte ihn und richtete sich sofort auf.

„Thomas! Endlich. Diese Frau ist ohne Erlaubnis in den Empfangsbereich eingedrungen. Ich möchte, dass sie sofort entfernt wird.“

Der Generaldirektor hörte sie nicht.

Er blieb vor der jungen Frau stehen.

„Miss Vale?“, fragte er mit zitternder Stimme.

Die Frau hob den Kopf.

Ihre Augen waren dunkel, müde und vollkommen ruhig.

„Guten Abend, Herr Reinhardt.“

Thomas starrte sie an, als hätte er einen Geist gesehen.

Dann sank er auf die Knie.