Kapitel 1: Das Mädchen im Regen
Der Regen prasselte auf mein Gesicht, als ich an jenem Abend die Werkstatt verließ. Es war kein gewöhnlicher Regen. Es war einer dieser heftigen Sommerstürme, die Mexiko-Stadt innerhalb weniger Minuten in ein Meer aus schmutzigem Wasser verwandeln konnten. Die Straßen waren überflutet, die Kanaldeckel kaum noch zu erkennen, und der Wind riss an den provisorischen Dächern der kleinen Geschäfte.
Ich hieß Rubén Salgado, war zweiundvierzig Jahre alt und führte eine kleine Metallwerkstatt im Süden der Stadt. Seit fast zwanzig Jahren verdiente ich meinen Lebensunterhalt damit, Tore, Fenstergitter, Treppen und alles andere aus Metall herzustellen, was meine Kunden brauchten.
Meine Hände waren rau, meine Kleidung roch nach Eisen und Maschinenöl, und meine Schultern schmerzten nach einem langen Arbeitstag. Aber all das störte mich nicht. Solange ich abends nach Hause zurückkehren und meine Tochter Valeria in die Arme schließen konnte, hatte ich das Gefühl, dass mein Leben trotz aller Schwierigkeiten einen Sinn besaß.
Valeria war acht Jahre alt.
Sie hatte große, dunkle Augen, eine kleine Narbe über der linken Augenbraue und die Angewohnheit, beim Nachdenken ihre Unterlippe zwischen die Zähne zu nehmen. Diese Geste erinnerte mich jedes Mal an ihre Mutter.
Meine Frau Elena war vor drei Jahren gestorben.
Es war ein kalter Morgen gewesen, als wir sie ins Krankenhaus gebracht hatten. Eine Krankheit, die zunächst wie eine gewöhnliche Erschöpfung ausgesehen hatte, hatte sich innerhalb weniger Wochen als etwas viel Ernsteres herausgestellt. Die Ärzte hatten gekämpft, wir hatten gehofft, gebetet und uns an jede noch so kleine Verbesserung geklammert.
Doch irgendwann war Elena nicht mehr nach Hause zurückgekehrt.
Seit diesem Tag waren Valeria und ich allein.
Ich hatte gelernt, ihre Zöpfe zu flechten, obwohl sie am Anfang immer schief geworden waren. Ich hatte gelernt, aus wenigen Zutaten ein ordentliches Abendessen zuzubereiten, ihre Schuluniform zu bügeln und ihre Tränen zu trocknen, wenn sie nachts von ihrer Mutter träumte.
Manchmal saß sie auf meinem Schoß und fragte mich, ob ihre Mutter sie noch sehen könne.
Dann küsste ich ihre Stirn und antwortete:
„Ich weiß nicht genau, wie das möglich ist, mi niña. Aber ich weiß, dass deine Mutter dich unendlich geliebt hat. Und diese Liebe verschwindet nicht einfach.“
An diesem Abend dachte ich genau daran.
Ich wollte so schnell wie möglich nach Hause. Valeria hatte am nächsten Tag eine kleine Schulpräsentation vorbereitet, und sie hatte mich am Morgen gebeten, ihr beim Üben zuzuhören.
„Papa, versprich mir, dass du heute nicht zu spät kommst“, hatte sie gesagt.
Ich hatte ihr versprochen, rechtzeitig da zu sein.
Doch die Arbeit war länger geworden als geplant. Ein Kunde brauchte dringend ein repariertes Sicherheitstor, und ich wollte die zusätzliche Bezahlung nicht ablehnen. Schließlich kosteten Schulbücher, Lebensmittel und die Miete Geld.
Als ich die Werkstatt endlich abschloss, war es bereits dunkel.
Ich steckte den Schlüssel in die Hosentasche und zog meine Jacke enger um den Körper.
Auf der anderen Straßenseite kämpfte Doña Carmelita mit der blauen Plane ihres Tamales-Standes. Die ältere Frau verkaufte seit Jahren Essen an die Menschen in unserer Nachbarschaft. Sie kannte Valeria, seit meine Tochter laufen konnte, und hatte uns in den schlimmsten Monaten nach Elenas Tod mit warmen Mahlzeiten geholfen.
Als sie mich sah, hob sie beide Arme.
„Rubén! Warte!“
Ich lief zu ihr und half ihr, die Plane an einer Metallstange zu befestigen.
„Dieser Wind wird mir noch meinen ganzen Stand wegnehmen“, schimpfte sie.
„Du solltest nach Hause gehen, Carmelita. Der Sturm wird stärker.“
Sie sah mich plötzlich ernst an.
„Du solltest lieber nach Hause gehen.“
„Warum?“
Sie zögerte.
Dann packte sie meinen Arm.
„Ich habe vor ungefähr zwanzig Minuten Schreie aus deiner Straße gehört. Ich dachte zuerst, jemand hätte sich gestritten. Aber dann habe ich ein Mädchen weinen hören.“
Mein Herz begann schneller zu schlagen.
„Ein Mädchen?“
Carmelita nickte.
„Ich konnte nicht erkennen, wer es war. Aber als ich deinen Namen rief, antwortete niemand. Geh nach Hause, Rubén. Irgendetwas stimmt nicht.“
Ich bedankte mich nicht einmal richtig.
Ich begann zu laufen.
Der Regen schlug mir ins Gesicht. Das Wasser stand bereits knöcheltief auf einigen Abschnitten der Straße. Ich rutschte beinahe aus, fing mich an einer Hauswand ab und lief weiter.
Während ich mich meiner Straße näherte, versuchte ich, vernünftige Erklärungen zu finden.
Vielleicht hatte Valeria einen Albtraum gehabt.
Vielleicht war Lorena mit ihr in Streit geraten.
Vielleicht hatte ein Nachbar etwas missverstanden.
Doch je näher ich unserem Haus kam, desto stärker wurde das Gefühl, dass ich mich selbst belog.
Dann sah ich das Tor.
Es stand weit offen.
Es war dasselbe Tor, das ich mit meinen eigenen Händen geschweißt hatte. Ich hatte die Eisenstangen verstärkt, die Scharniere ausgetauscht und einen zusätzlichen Riegel angebracht, weil Elena sich früher Sorgen um die Sicherheit des Hauses gemacht hatte.
Jetzt schwang das Tor im Wind hin und her.
Und davor stand ein kleines Mädchen.
Meine Tochter.
Valeria war barfuß.






