Und dann fand Audrey einen Satz, der ihr das Blut in den Adern gefrieren ließ.
Wenn Audrey die Übertragung nicht erneut anspricht, können wir den Vorgang vorerst als abgeschlossen behandeln.
Sie hob den Kopf.
„Was bedeutet das?“
Sierra schüttelte den Kopf.
„Ich weiß es nicht. Ich bin keine Anwältin. Aber als ich die Präsentation für den Jubiläumsabend vorbereitete, entdeckte ich Widersprüche zwischen den alten und den neuen Dokumenten.“
„Und du hast angefangen, nachzuforschen.“
„Ja.“
„Warum?“
Sierra sah sie an.
„Weil ich wissen wollte, ob Brett mich ebenfalls belügt.“
Audrey lehnte sich zurück.
Das war der Moment, in dem sie verstand, dass Sierra nicht gekommen war, um um Vergebung zu bitten.
Sie war gekommen, weil sie Angst hatte.
Nicht vor Audrey.
Vor dem Mann, dem sie geglaubt hatte.
„Ich kann dir nicht sagen, dass ich dir verzeihe“, sagte Audrey.
Sierra nickte.
„Das erwarte ich nicht.“
„Und ich werde nicht so tun, als wäre es in Ordnung, dass du dich auf eine Beziehung mit meinem Mann eingelassen hast, ohne mit mir zu sprechen.“
„Das verstehe ich.“
„Aber wenn diese Unterlagen echt sind, dann betrifft das nicht nur unsere Ehe.“
Sierra schob die Mappe näher zu ihr.
„Deshalb bin ich hier.“
Audrey sammelte die Dokumente ein.
„Ich werde sie von meiner Anwältin prüfen lassen.“
„Gut.“
„Und Sierra?“
Die andere Frau sah auf.
„Wenn du mir noch etwas verschwiegen hast, ist jetzt der Zeitpunkt, es zu sagen.“
Sierra wurde blass.
„Es gibt noch eine Sache.“
Audrey wartete.
„Brett plant, die neuen Investoren heute Nachmittag über die endgültige Übernahme der Anteile zu informieren.“
Audrey spürte, wie die Geräusche im Café plötzlich leiser wurden.
„Heute Nachmittag?“
„Ja. Er sagte, dass danach alles abgeschlossen sein würde.“
Audrey blickte auf die Uhr.
Es war 9.24 Uhr.
Sie hatte weniger als zwei Stunden bis zu ihrem Termin bei der Anwältin.
Und zum ersten Mal wusste sie, dass sie nicht länger nur um ihre Ehe kämpfte.
Sie musste herausfinden, was mit ihrem Unternehmen geschehen war.
Die Unterlagen sprechen
Elena Morgan hörte sich Audreys Schilderung an, ohne sie zu unterbrechen.
Sie war eine Frau Anfang fünfzig, deren ruhige Stimme im Gegensatz zu der Entschlossenheit stand, mit der sie die Dokumente prüfte.
Als Audrey fertig war, legte Elena die Papiere nebeneinander.
„Zunächst einmal“, sagte sie, „werden wir zwischen dem unterscheiden, was Sie sicher wissen, und dem, was wir noch überprüfen müssen.“
Audrey nickte.
„Ich weiß, dass ich nie zugestimmt habe, meine Anteile zu verkaufen.“
„Gut. Das ist wichtig.“
Elena zeigte auf die Kopie der angeblichen Übertragungsvereinbarung.
„Hier müssen wir die Herkunft des Dokuments prüfen, die Unterschrift, das Datum und die Frage, ob es weitere Fassungen gibt. Eine Kopie allein sagt uns noch nicht, ob die Vereinbarung wirksam ist.“
Sie nahm die alten Gründungsunterlagen zur Hand.
„Diese Dokumente sind ebenfalls wichtig. Sie zeigen zumindest, dass Sie ursprünglich als Mitgründerin mit einem erheblichen Anteil aufgeführt wurden.“
Audrey spürte, wie sich ihre Schultern ein wenig entspannten.
„Kann Brett mir meine Anteile einfach wegnehmen?“
„Das lässt sich ohne vollständige Einsicht in die Unterlagen nicht abschließend beantworten. Aber er kann nicht allein deshalb behaupten, dass Sie zugestimmt haben, weil es in einer Präsentation steht.“
Elena blickte auf.
„Haben Sie noch Zugriff auf die geschäftlichen E-Mails oder auf das ursprüngliche Unternehmensarchiv?“
„Nicht mehr auf alles. Brett hat vor etwa einem Jahr die Zugriffsrechte geändert.“
„Haben Sie noch Nachrichten aus der Zeit der Gründung?“
Audrey dachte an die alten Back-ups auf ihrem privaten Computer.
„Vielleicht.“
„Dann sichern Sie diese Daten. Verändern Sie nichts. Und kommunizieren Sie mit Brett vorerst möglichst schriftlich, besonders wenn es um die Unternehmensanteile oder die angebliche Vereinbarung geht.“
Audrey nickte.
„Was ist mit der heutigen Investorenveranstaltung?“
„Wenn tatsächlich eine Übertragung Ihrer Anteile angekündigt werden soll, müssen wir so schnell wie möglich herausfinden, welche Schritte geplant sind. Ich werde prüfen, welche rechtlichen Möglichkeiten Ihnen offenstehen.“
Elena schloss die Mappe.
„Aber ich möchte, dass Sie eines verstehen: Sie müssen nicht heute entscheiden, ob Sie sich scheiden lassen. Sie müssen nicht heute entscheiden, ob Sie jemals wieder mit Brett sprechen wollen. Heute müssen wir uns auf Ihre Rechte und die Sicherung der Unterlagen konzentrieren.“
Audrey sah sie an.
Zum ersten Mal seit langer Zeit hatte sie das Gefühl, dass die Dinge in einer vernünftigen Reihenfolge angegangen werden konnten.
Zuerst die Fakten.
Dann die Entscheidungen.
Nicht umgekehrt.
Als sie die Kanzlei verließ, wartete eine Nachricht von Brett auf ihrem Telefon.
Wo bist du? Wir müssen reden. Die Ereignisse von gestern haben dem Unternehmen geschadet. Du musst das richtigstellen, bevor die Investoren davon erfahren.
Audrey las die Nachricht zweimal.
Dann antwortete sie:
Ich werde keine falschen Aussagen über die Gründungsgeschichte machen. Wenn du geschäftliche Unterlagen mit mir besprechen möchtest, wende dich bitte an meine Anwältin.
Sie drückte auf Senden.
Ihre Hände zitterten.
Nicht, weil sie ihre Antwort bereute.





