„Ich habe etwas erhalten“, sagte sie leise. „Und ich glaube nicht, dass es Zufall ist.“

Margaret wurde sofort ernst.

„Bleiben Sie dort. Ich schicke jemanden vorbei.“

„Es ist wahrscheinlich nichts.“

„Ruth, wir haben beide gelernt, was passiert, wenn man etwas für wahrscheinlich harmlos hält.“

Ruth legte auf.

Erst als ein Mitarbeiter der Schulleitung neben ihnen stand, öffnete sie den Umschlag.

Darin befanden sich drei Dinge.

Ein altes Foto.

Eine handgeschriebene Notiz.

Und eine kleine Speicherkarte.

Das Foto zeigte vier Personen vor einem Gebäude mit dem alten Hawthorne-Logo. Ruth erkannte Charles sofort. Neben ihm stand Evelyn Brooks. Die beiden lächelten in die Kamera.

Die dritte Person war Daniel Pierce, deutlich jünger und ohne die Narbe an der Augenbraue.

Die vierte Person war eine Frau, die Ruth noch nie gesehen hatte.

Auf der Rückseite stand ein Datum.

Vor fünf Jahren.

Lily beugte sich über das Foto.

„Wer ist die Frau?“

Ruth schüttelte den Kopf.

„Das weiß ich nicht.“

Sie entfaltete die Notiz.

Es waren nur zwei Sätze.

Charles war nicht der Einzige, der von den falschen Rechnungen wusste.

Wenn Sie die ganze Wahrheit erfahren wollen, suchen Sie nach dem Projekt Winterlicht.

Ruth las die Worte ein zweites Mal.

Projekt Winterlicht.

Der Name sagte ihr nichts.

Doch als sie Daniel später am Nachmittag das Foto zeigte, verschwand jede Farbe aus seinem Gesicht.

„Woher haben Sie das?“

„Jemand hat es Lily gegeben.“

Daniel nahm das Bild vorsichtig in die Hand.

„Das ist Evelyn.“

„Die Frau auf dem Foto?“

„Ja.“

Er deutete auf die unbekannte Person neben Charles.

„Und das ist Claire Bennett. Sie leitete damals die Abteilung für externe Beschaffung.“

Margaret, die inzwischen hinzugekommen war, verschränkte die Arme.

„Warum haben Sie uns nie von ihr erzählt?“

Daniel blickte auf das Foto.

„Weil Claire vor vier Jahren bei einem Autounfall ums Leben kam.“

Für einige Sekunden sagte niemand etwas.

Dann fragte Ruth: „Was hat das mit Projekt Winterlicht zu tun?“

Daniel schloss die Augen.

„Ich dachte, dieses Projekt wäre längst beendet.“


Am nächsten Morgen versammelten sich Ruth, Margaret und Daniel erneut im Konferenzraum.

Diesmal brachte Daniel einen alten Laptop mit. Er hatte in seinen persönlichen Unterlagen nach dem Begriff gesucht und eine archivierte Präsentation gefunden, die aus dem internen Beschaffungsbereich stammte.

Projekt Winterlicht war ursprünglich als Hilfsprogramm gedacht gewesen.

Hawthorne wollte medizinische Ausrüstung für unterversorgte Kliniken bereitstellen, insbesondere für Einrichtungen, die Schwierigkeiten hatten, dringend benötigte Geräte und Verbrauchsmaterialien zu beschaffen.

Die Initiative war öffentlich vorgestellt worden und hatte damals viel Anerkennung erhalten.

Doch nach wenigen Monaten wurde das Projekt ohne ausführliche Erklärung eingestellt.

„Die offizielle Begründung lautete, dass die Kosten zu hoch geworden seien“, erklärte Daniel. „Damals hielt ich das für eine normale unternehmerische Entscheidung.“

Margaret blätterte durch die Präsentation.

„Hier stehen Lieferungen im Wert von fast drei Millionen Dollar.“

„Genau“, sagte Daniel. „Und ich kann mich nicht erinnern, dass wir jemals eine vollständige Bestandsaufnahme erhalten hätten.“

Ruth betrachtete die Fotos der angeblich gelieferten Geräte.

Sie zeigten Kartons, medizinische Monitore und verpackte Ausrüstung in einem Lagerraum.

Dann fiel ihr etwas auf.

„Halt.“

Daniel stoppte die Präsentation.

Ruth zeigte auf den Hintergrund eines Fotos.

„Dieses Zeichen. Das habe ich schon einmal gesehen.“

Margaret beugte sich vor.

An der Wand war ein kleines blaues Symbol zu erkennen. Es bestand aus zwei schräg angeordneten Linien, die sich beinahe zu einem Kreis schlossen.

„Wo?“, fragte Daniel.

Ruth dachte nach.

„Im alten Lieferbereich. Auf einer Kiste, die dort jahrelang stand. Ich weiß nicht mehr, ob sie noch da ist.“

Margaret rief sofort den Gebäudesicherheitsdienst an.

Eine Stunde später standen sie im stillgelegten Lagerraum im Untergeschoss. Staub lag auf den Regalen. Einige Kartons waren längst entsorgt worden, andere trugen noch verblasste Etiketten.

Ruth ging langsam an den Regalen entlang.

Sie hatte diesen Bereich früher regelmäßig gereinigt. Damals hatte sie sich nie gefragt, warum manche Kisten jahrelang unberührt blieben.

Jetzt suchte sie nach dem blauen Zeichen.

Schließlich entdeckte sie es auf einer schmalen Metallkiste hinter einem Stapel leerer Verpackungen.

„Da.“

Daniel zog Handschuhe an und öffnete die Kiste.

Darin lagen keine medizinischen Geräte.

Es waren alte Lieferlisten, Versandbestätigungen und mehrere Umschläge mit handschriftlichen Vermerken.

Margaret hob einen Umschlag heraus.

Darauf stand: Projekt Winterlicht – interne Prüfung.

Daniel atmete langsam aus.

„Das hätte niemals hier liegen dürfen.“

Ruth sah ihn an.

„Warum nicht?“

„Weil diese Unterlagen laut unseren damaligen Akten vernichtet worden sein sollten.“

Margaret öffnete den Umschlag.

Die ersten Seiten enthielten Rechnungen und Lieferdaten. Einige Einträge stimmten mit den Angaben in der Präsentation überein. Andere zeigten Lieferungen, die angeblich an Kliniken gegangen waren, deren Namen Ruth noch nie gehört hatte.

Dann fand Margaret eine Liste mit handschriftlichen Anmerkungen.

Neben mehreren Beträgen standen dieselben zwei Buchstaben.

C. H.

Charles Hawthorne.

Doch auf der letzten Seite befand sich eine andere Unterschrift.

Evelyn Brooks.

Darunter stand ein kurzer Satz:

Die Auslieferung wurde auf ausdrückliche Anweisung der Geschäftsführung gestoppt.

Ruth blickte auf.

„Dann wusste Evelyn davon.“