„Das beweist noch nicht, dass sie an dem Betrug beteiligt war“, sagte Margaret. „Sie könnte versucht haben, ihn zu verhindern.“

Daniel untersuchte die Seite.

„Es gibt noch etwas.“

Am unteren Rand war eine weitere handschriftliche Notiz hinzugefügt worden.

Claire hat die Originalnachweise behalten.

Margaret richtete sich auf.

„Claire Bennett.“

Daniel nickte langsam.

„Wenn sie die Originalnachweise tatsächlich aufbewahrt hat, könnte es noch Unterlagen geben, die wir nie gefunden haben.“

„Aber sie ist tot“, sagte Ruth.

„Ja.“

Lily, die währenddessen bei einer Mitarbeiterin der Personalabteilung geblieben war und nun von Ruth abgeholt werden sollte, hatte von dem Gespräch nichts mitbekommen.

Doch Ruth dachte bereits an die Frau, die ihr den Umschlag geschickt hatte.

Wenn Claire tatsächlich tot war, wer wusste dann von ihren Unterlagen?

Und warum hatte diese Person gerade Lily ausgewählt, um die Nachricht zu übermitteln?


Am Abend saß Ruth mit Lily am Küchentisch.

Vor ihnen standen zwei Tassen Kakao. Lily malte kleine Sterne auf ein Blatt Papier, während Ruth die Notiz erneut las.

„Oma?“

Ruth blickte auf.

„Ja, mein Schatz?“

„Glaubst du, dass die bösen Menschen immer böse bleiben?“

Die Frage traf Ruth unerwartet.

Sie dachte an Vanessa. An Charles. An all die Menschen, die sich hinter Titeln, teuren Anzügen und geschlossenen Türen versteckt hatten.

„Ich glaube, Menschen können sich ändern“, sagte sie schließlich. „Aber sie müssen selbst entscheiden, ob sie es wirklich wollen.“

Lily malte einen weiteren Stern.

„Und wenn sie es nicht tun?“

Ruth nahm ihre Hand.

„Dann müssen wir dafür sorgen, dass sie anderen nicht weiter wehtun können.“

Lily nickte langsam.

Dann griff sie in ihren lila Rucksack und holte den silbernen USB-Stick heraus.

„Ich habe ihn immer noch.“

Ruth lächelte.

„Das weiß ich.“

„Ich habe gedacht, vielleicht ist da noch etwas drauf.“

Ruths Lächeln verschwand.

Sie hatte angenommen, dass sämtliche Daten auf dem Stick während der Ermittlungen gesichert und geprüft worden waren.

„Warum denkst du das?“

Lily drehte den Stick zwischen ihren Fingern.

„Weil die Frau am Schultor gesagt hat, dass manche Dinge erst sichtbar werden, wenn man sie zweimal ansieht.“

Ruth stand langsam auf.

Sie holte ihren Laptop aus dem Arbeitszimmer und setzte sich wieder zu Lily.

Gemeinsam schlossen sie den Stick an.

Die bekannten Dateien erschienen auf dem Bildschirm.

Sechs Videos.

Drei Tabellen.

Der Lieferantenvertrag.

Das Dokument mit dem Titel ZUERST LESEN.

Ruth wollte den Laptop bereits schließen, als sie eine winzige Datei bemerkte, die keinen Namen hatte. Sie war so klein, dass sie in der ursprünglichen Übersicht beinahe übersehen werden konnte.

Das Erstellungsdatum lag mehrere Monate vor Charles’ Verhaftung.

Ruth klickte darauf.

Der Bildschirm blieb zunächst schwarz.

Dann erschien eine kurze Textnachricht.

Falls jemand diese Datei findet, bedeutet das, dass die anderen Beweise nicht ausgereicht haben.

Darunter stand eine Adresse.

Und ein Name.

Evelyn Brooks.

Ruth starrte auf den Bildschirm.

In diesem Moment klingelte ihr Telefon.

Eine unbekannte Nummer.

Sie nahm ab.

Zuerst hörte sie nur Atemgeräusche.

Dann sprach eine Frau mit leiser, angespannter Stimme.

„Frau Carter?“

„Wer ist da?“

„Mein Name ist Evelyn Brooks.“

Ruth hielt den Atem an.

Die Frau sprach schnell, als hätte sie Angst, dass jemand sie unterbrechen könnte.

„Sie dürfen niemandem erzählen, dass ich Sie angerufen habe. Nicht einmal Margaret Sloan.“

„Warum?“

Am anderen Ende herrschte kurz Stille.

Dann sagte Evelyn einen Satz, der Ruth das Blut in den Adern gefrieren ließ.

„Weil Charles Hawthorne nicht der einzige Mensch ist, der verhindern will, dass die Wahrheit über Winterlicht ans Licht kommt.“

Die Verbindung brach ab.

Ruth blickte auf Lily.

Das Mädchen hatte aufgehört zu malen.

Auf dem Laptop leuchtete noch immer der Name Evelyn Brooks.

Und zum ersten Mal seit Monaten begriff Ruth, dass die Geschichte, die sie für beendet gehalten hatte, möglicherweise gerade erst begann.