Ich stand auf, öffnete die Tür und ging zurück zum Tisch, als wäre nichts geschehen, denn ich wusste noch nicht, auf wen ich wütend sein sollte, und in meiner Familie ist es ein Fehler, auf die falsche Person wütend zu sein, den man nur einmal begehen darf.
Kapitel 2 – Ein ganz normaler Thanksgiving-Abend
Als ich wieder Platz nahm, fragte niemand, warum ich so lange im Badezimmer gewesen war.
Der Truthahn stand noch immer in der Mitte des Tisches. Paul erzählte gerade eine Geschichte über seinen Chef, während Bev versuchte, ihre Tochter davon abzuhalten, mit einer Gabel auf ein Weinglas zu schlagen. Meine Mutter schenkte sich Wasser nach und vermied meinen Blick.
Alles sah normal aus.
Und genau das machte es so unerträglich.
Ich legte mein Handy neben meinen Teller und zwang mich, einen Bissen zu essen. Das Fleisch schmeckte nach nichts. Ich hörte die Stimmen um mich herum, aber die Worte kamen nicht mehr richtig bei mir an.
Einhundertachtzehntausend Dollar.
Ich wiederholte die Zahl in meinem Kopf, als könnte sie dadurch kleiner werden.
Es war nicht einfach irgendein Geld. Es war Mias Zukunft. Das Geld, das wir über Jahre zurückgelegt hatten, damit sie sich später keine Sorgen um Studiengebühren, Bücher oder ihre erste Wohnung machen musste.
Greg und ich hatten uns sogar während unserer schlimmsten Ehejahre darauf geeinigt, dass dieses Konto tabu war.
Wir konnten uns über fast alles streiten. Über das Haus, über Rechnungen, über meine Arbeit, über seine ständigen Geschäftsreisen. Aber Mia sollte niemals darunter leiden.
Zumindest hatte ich das geglaubt.
„Dana, kannst du mir bitte die Soße reichen?“, fragte Bev.
Ich reichte ihr die Schüssel.
Ihre Finger berührten kurz meine Hand. Sie sah mich dabei an, und für einen winzigen Moment hatte ich das Gefühl, dass sie etwas wusste.
„Alles in Ordnung?“, fragte sie leise.
„Natürlich.“
Das Wort kam so schnell über meine Lippen, dass es beinahe überzeugend klang.
Bev nickte, sagte aber nichts mehr.
Ich beobachtete sie, während sie sich wieder ihrem Essen zuwandte. Sie war meine Cousine, meine Vertraute und die Person, die mir nach meiner Scheidung geholfen hatte, die Wohnung einzurichten. Sie hatte mich weinen sehen, als ich zum ersten Mal allein in meinem neuen Schlafzimmer aufwachte. Sie hatte mir geholfen, die letzten Kartons aus dem alten Haus zu holen.
Wenn jemand in dieser Familie wusste, wie viel es mich gekostet hatte, mein Leben wieder aufzubauen, dann sie.
Aber wusste sie auch etwas über R. Cole?
Ich beschloss, vorerst niemanden zu verdächtigen. Ich brauchte Fakten, keine Vermutungen.
Als das Essen vorbei war, halfen alle beim Abräumen. Paul trug die Teller in die Küche, während meine Mutter die Reste in Behälter füllte. Bev suchte nach den Fotos, die die Fotografin bereits auf ihrem Tablet gezeigt hatte.
Ich nahm mein Handy und ging in mein Schlafzimmer.
Diesmal schloss ich die Tür nicht ab. Ich setzte mich einfach an den kleinen Schreibtisch am Fenster und öffnete die Banking-App erneut.
Ich machte Screenshots von jeder Überweisung. Dann schrieb ich die Daten, Beträge und Empfängerdetails in eine Notiz. Einige Buchungen waren so hoch, dass mir beim Lesen übel wurde. Andere waren kleiner, fast unauffällig. Gerade diese kleinen Beträge machten mir Angst.
Es sah nicht nach einem einzigen Fehler aus.
Es sah nach einem Plan aus.
Ich rief die Nummer auf der Rückseite meiner Bankkarte an. Nach mehreren automatischen Ansagen meldete sich schließlich eine Mitarbeiterin.
„Wie kann ich Ihnen helfen?“
Ich erklärte, dass ich Überweisungen auf einem gemeinsamen Konto überprüfen lassen wollte. Ich nannte die Daten und den Namen des Empfängers.
Die Mitarbeiterin wurde vorsichtiger, als sie die Beträge hörte.
„Aus Datenschutzgründen muss ich zunächst Ihre Identität bestätigen“, sagte sie.
Ich beantwortete ihre Fragen und wartete, während sie mein Konto prüfte.
Dann kam eine Pause.
„Frau Whitcomb, ich kann Ihnen mitteilen, dass diese Transaktionen über das gemeinsame Konto autorisiert wurden. Für weitere Details müssen wir Ihre Anfrage an unsere Betrugsabteilung weiterleiten.“
„Wer hat sie autorisiert?“
„Das kann ich Ihnen in diesem Gespräch nicht vollständig bestätigen.“
„Aber Sie können doch sehen, dass das Geld von einem Konto stammt, das für die Ausbildung meiner Tochter vorgesehen ist.“
„Ich verstehe Ihre Sorge. Ich werde den Vorgang dokumentieren. Sie sollten außerdem Ihre Kontoauszüge sichern und gegebenenfalls eine formelle Untersuchung beantragen.“
Ich presste das Handy fester ans Ohr.
„Kann das Geld zurückgeholt werden?“
„Das hängt von den Umständen und dem Status der Überweisungen ab. Ich möchte Ihnen nichts versprechen, was wir noch nicht geprüft haben.“
Ich schloss die Augen.
„Dann prüfen Sie es.“
„Ich werde die Anfrage weiterleiten. Sie erhalten eine Vorgangsnummer und Informationen über die nächsten Schritte.“





