An diesem Abend kam sie mit einem Rucksack und zwei Büchern unter dem Arm herein.
„Du siehst aus, als hättest du seit Tagen nicht geschlafen“, sagte sie.
Ich lächelte schwach.
„So schlimm?“
„Schlimmer.“
Sie stellte ihre Sachen ab und setzte sich mir gegenüber.
Ich hatte mir den ganzen Nachmittag überlegt, wie ich es ihr sagen sollte. Ich wollte sie schützen. Ich wollte nicht, dass sie das Gefühl bekam, ihre Zukunft sei plötzlich unsicher.
Aber ich hatte gelernt, wohin es führte, wenn ich wichtige Informationen zurückhielt, um jemanden zu schützen.
„Mia, ich muss mit dir über deinen Studienfonds sprechen.“
Ihr Gesicht wurde ernst.
„Was ist damit?“
Ich erklärte ihr die elf Überweisungen. Ich sagte ihr, dass Greg das Geld ohne meine Zustimmung für eine Investition verwendet hatte. Ich erklärte ihr auch, dass ich bereits mit der Bank und einer Anwältin sprach.
Ich verschwieg nichts.
Als ich fertig war, sah sie mich lange an.
„Wie viel?“
„118.000 Dollar.“
Sie öffnete den Mund, schloss ihn wieder und blickte auf ihre Hände.
„Das ist doch nicht dein Ernst.“
„Ich wünschte, es wäre nicht wahr.“
Sie stand auf und ging zum Fenster.
„Dad hat mir letzte Woche noch gesagt, ich solle mir wegen der Studiengebühren keine Sorgen machen.“
Ich spürte, wie sich mein Magen zusammenzog.
„Hat er dir gesagt, dass alles in Ordnung ist?“
„Ja. Er meinte, der Fonds sei sicher und ich solle mich auf meine Prüfungen konzentrieren.“
Mia drehte sich zu mir um.
„Hat er gewusst, dass du es herausfinden würdest?“
„Das weiß ich nicht.“
Sie schüttelte den Kopf.
„Warum macht er so etwas?“
Ich hatte keine Antwort, die ihr helfen würde.
Ich konnte ihr sagen, dass Menschen manchmal schlechte Entscheidungen trafen. Dass finanzielle Angst dazu führen konnte, dass jemand Dinge tat, die er später bereute. Dass ihr Vater sie vielleicht tatsächlich hatte schützen wollen.
Aber keine dieser Erklärungen machte das Geschehene weniger schlimm.
„Ich glaube, er dachte, er könnte das Geld zurückzahlen, bevor wir es bemerken“, sagte ich schließlich. „Aber ich weiß nicht, ob das stimmt.“
Mia setzte sich wieder hin.
Ihre Augen waren feucht, aber sie weinte nicht.
„Ich will nicht, dass ihr euch wegen mir streitet.“
„Das hier ist nicht deine Schuld.“
„Aber wenn ich den Fonds nicht hätte …“
„Nein.“
Ich sagte es so entschieden, dass sie verstummte.
„Du hast nichts falsch gemacht. Du musst dich nicht dafür entschuldigen, dass du eine Zukunft hast, für die wir sparen wollten.“
Sie begann zu weinen.
Ich setzte mich neben sie und zog sie in meine Arme.
Wir blieben lange so sitzen.
Schließlich sagte sie: „Ich möchte, dass Dad mir selbst davon erzählt.“
Ich nickte.
„Das ist dein Recht.“
„Und ich möchte nicht, dass du ihm seine Fehler erklärst oder für ihn entschuldigst.“
Ich schloss die Augen.
„Das werde ich nicht tun.“
In diesem Moment begriff ich, dass es bei dieser Geschichte nicht nur darum ging, Geld zurückzubekommen.
Es ging auch darum, Mia nicht beizubringen, dass Liebe bedeutete, immer wieder zu akzeptieren, was andere Menschen ihr antaten.
Sie durfte ihren Vater lieben und trotzdem von ihm verlangen, Verantwortung zu übernehmen.
Sie durfte enttäuscht sein, ohne sich schuldig zu fühlen.
Und sie durfte Fragen stellen, selbst wenn die Antworten unbequem waren.
Kapitel 8 – Die Nachricht von Bev
Zwei Tage später erhielt ich eine Nachricht von Bev.
„Können wir uns treffen? Nur wir beide. Ich muss dir etwas sagen.“
Ich starrte auf den Bildschirm.
Ein Teil von mir wollte sofort anrufen und Antworten verlangen. Ein anderer Teil hatte Angst, dass sie mir etwas sagen würde, das unsere Beziehung für immer verändern könnte.
Ich schlug ein Café in der Nähe meines Büros vor.
Als ich ankam, saß Bev bereits an einem Tisch im hinteren Bereich. Vor ihr stand eine Tasse Kaffee, die sie kaum angerührt hatte.
Sie sah müde aus.
„Danke, dass du gekommen bist“, sagte sie.
Ich setzte mich.
„Du hast gesagt, du musst mir etwas sagen.“
Sie nickte, aber sie begann nicht sofort zu sprechen.
Stattdessen öffnete sie ihre Tasche und zog einen gefalteten Briefumschlag hervor.
„Vor einigen Monaten hat Greg mich angerufen“, sagte sie. „Er wollte wissen, ob ich ihm Geld leihen könnte.“
Ich spürte, wie sich meine Hände verkrampften.
„Wie viel?“
„Fünftausend Dollar.“
„Hast du ihm das Geld gegeben?“
„Nein.“
Ich wartete.
Bev sah auf den Umschlag.
„Er sagte, er hätte ein Problem mit einem Geschäftspartner. Er wollte das Geld nur für ein paar Wochen. Als ich ihn fragte, warum er nicht mit dir darüber sprach, sagte er, ihr hättet vereinbart, eure Finanzen getrennt zu halten.“
Ich lachte ungläubig.
„Das haben wir. Aber Mias Fonds war ausdrücklich davon ausgenommen.“
„Das wusste ich nicht.“
„Was hast du dann gemacht?“
„Ich habe ihm gesagt, dass ich ihm nicht helfen kann. Danach hat er mich gebeten, dir nichts davon zu erzählen. Er meinte, du würdest dir unnötige Sorgen machen.“
Ich sah sie an.





