Ich wollte ihr glauben. Ein Teil von mir wollte aufstehen, sie umarmen und ihr sagen, dass alles in Ordnung sei.

Aber es war nicht alles in Ordnung.

„Hat Greg dir den Namen R. Cole genannt?“

Meine Mutter schüttelte den Kopf.

„Nein.“

„Hat er dir gesagt, wohin das Geld geflossen ist?“

„Er sprach von einem Geschäftspartner. Mehr weiß ich nicht.“

Ich sah sie lange an.

„Wenn du noch irgendetwas weißt, möchte ich es jetzt hören. Nicht nächste Woche. Nicht, wenn Greg dich erneut anruft. Jetzt.“

Sie nickte.

„Ich werde dir alles sagen, was ich weiß.“

Ich hoffte, dass sie es ernst meinte.

Denn ich begann zu verstehen, dass meine Familie nicht unbedingt aus Menschen bestand, die mich absichtlich verletzen wollten.

Es waren Menschen, die glaubten, sie dürften entscheiden, welche Wahrheiten ich verkraften konnte.

Und manchmal richteten gerade diese Menschen den größten Schaden an.

Kapitel 6 – R. Cole

Am Montag vereinbarte ich einen Termin bei einer Anwältin namens Melissa Grant.

Ihr Büro befand sich in einem schlichten Gebäude in White Plains. Es gab keine beeindruckende Empfangshalle und keine riesigen Fenster mit Blick auf die Skyline. Nur einen kleinen Wartebereich, zwei Pflanzen und einen Stapel Zeitschriften auf einem niedrigen Tisch.

Ich mochte den Ort sofort.

Melissa hörte sich meine Geschichte an, ohne mich zu unterbrechen. Sie betrachtete die Kontoauszüge, stellte Fragen zu den Kontoinhabern und bat mich, alle Unterlagen in chronologischer Reihenfolge zusammenzustellen.

„Zunächst müssen wir klären, welche Rechte Sie an dem Konto haben und wer die einzelnen Transaktionen autorisiert hat“, sagte sie. „Dann können wir feststellen, welche rechtlichen Möglichkeiten bestehen.“

„Kann ich Greg zwingen, das Geld zurückzuzahlen?“

„Das hängt von den Vereinbarungen, den Umständen der Überweisungen und den verfügbaren Nachweisen ab. Ich möchte Ihnen keine falschen Hoffnungen machen. Aber Sie haben jedes Recht, eine vollständige Aufklärung zu verlangen.“

Sie notierte den Namen R. Cole.

„Kennen Sie diese Person?“

„Nein.“

„Hat Greg Ihnen gesagt, wer das ist?“

„Er behauptet, es sei ein Geschäftspartner.“

Melissa hob den Blick.

„Hat er Ihnen Unterlagen zu dieser Investition gezeigt?“

„Nein.“

„Hat er Ihnen jemals erklärt, warum er Zugang zu diesem Studienfonds benötigte?“

„Nein.“

Sie legte ihren Stift hin.

„Dann sollten Sie ab jetzt keine weiteren Entscheidungen auf Grundlage mündlicher Versprechen treffen. Sichern Sie alle Nachrichten. Bewahren Sie jede E-Mail auf. Und führen Sie wichtige Gespräche möglichst schriftlich.“

Ich nickte.

Bevor ich ging, fragte ich sie, ob ich Greg noch einmal anrufen sollte.

„Nicht, um ihn zu überzeugen“, sagte sie. „Sie müssen ihn nicht überzeugen, dass das ernst ist. Das weiß er bereits. Wenn Sie ihm schreiben, stellen Sie konkrete Fragen und bitten Sie um konkrete Antworten.“

Am Nachmittag erhielt ich einen Rückruf von der Bank.

Eine Mitarbeiterin der zuständigen Abteilung bestätigte, dass meine Anfrage aufgenommen worden war. Sie erklärte mir, dass weitere Nachforschungen nötig seien, um die Empfängerkonten und die Autorisierung der Transaktionen zu überprüfen.

Sie konnte mir noch nicht sagen, ob das Geld zurückgeholt werden konnte.

Aber sie versprach, dass ich eine schriftliche Antwort erhalten würde.

Ich legte auf und öffnete meinen Laptop.

Dann begann ich, nach R. Cole zu suchen.

Zunächst fand ich nichts, was eindeutig zu den Überweisungen passte. Der Name war nicht ungewöhnlich genug, um eine Person zweifelsfrei zu identifizieren.

Doch in einer alten E-Mail von Greg fand ich schließlich einen Hinweis.

Die Nachricht war fast acht Monate alt.

Der Betreff lautete: „Mögliche Beteiligung – vertraulich“.

Greg hatte sie damals versehentlich an meine private E-Mail-Adresse weitergeleitet. Als ich ihn darauf ansprach, sagte er, die Nachricht sei für einen Geschäftspartner bestimmt gewesen.

Ich hatte sie vergessen.

Jetzt öffnete ich sie erneut.

Darin ging es um ein Investitionsprojekt, das angeblich innerhalb weniger Monate erhebliche Gewinne erzielen sollte. Mehrere Personen wurden erwähnt, aber nur ein Name tauchte wiederholt auf.

Richard Cole.

Ich las die E-Mail dreimal.

R. Cole.

Richard Cole.

Ich öffnete ein neues Dokument und schrieb den vollständigen Namen auf.

Dann rief ich Melissa an.

„Ich glaube, ich habe den Namen gefunden.“

Sie bat mich, ihr die E-Mail zu schicken.

„Ändern Sie nichts an der Originaldatei“, sagte sie. „Wir müssen nachvollziehen können, woher die Information stammt.“

Ich tat, was sie verlangte.

Danach saß ich still vor dem Bildschirm.

Zum ersten Mal hatte ich einen Namen, der sich mit den Überweisungen verbinden ließ.

Aber ich hatte noch immer keine Ahnung, ob Richard Cole ein Geschäftspartner, ein Betrüger oder jemand war, der selbst glaubte, an einem legitimen Geschäft beteiligt zu sein.

Ich musste vorsichtig bleiben.

Eine Vermutung war keine Antwort.

Und ich hatte bereits zu lange mit Vermutungen gelebt.

Kapitel 7 – Die Wahrheit über Mia

Ich erzählte Mia am Dienstagabend davon.

Sie war zwanzig und studierte im dritten Jahr. Sie wohnte nicht mehr bei mir, kam aber regelmäßig vorbei, um Wäsche zu waschen, Lebensmittel mitzunehmen oder einfach auf meinem Sofa zu sitzen und über ihr Studium zu sprechen.