Der Marmorboden erzitterte, als Elena Howard die letzte Stufe der breiten Treppe verfehlte und mit voller Wucht auf dem kalten Stein aufschlug.
Der dumpfe Knall hallte durch die gewaltige Eingangshalle des Howard-Anwesens. Unter den hohen Kristalllüstern schienen selbst die Schatten an den Wänden für einen Augenblick zu erstarren. Ein silberner Bilderrahmen kippte auf einem Beistelltisch zur Seite. Irgendwo im oberen Stockwerk schlug eine Tür zu. Dann breitete sich eine Stille aus, die schwerer war als jeder Schrei.
Vanessa Whitmore stand oben auf der Treppe.
Ihre rechte Hand lag noch immer auf dem Geländer. Ihre Lippen waren leicht geöffnet, und ihr Gesicht zeigte für einen Sekundenbruchteil den Ausdruck einer Frau, die nicht glauben konnte, dass sie tatsächlich so weit gegangen war.
Doch dieser Ausdruck verschwand schnell.
Ihre Augen wanderten zur reglosen Frau auf dem Boden, dann zu den Menschen, die sich in der Eingangshalle versammelt hatten. Als Vanessa bemerkte, dass alle sie ansahen, veränderte sich ihr Gesicht. Die Kälte wich aus ihren Zügen. Ihre Schultern begannen zu zittern. Sie schlug sich eine Hand vor den Mund und stürzte die wenigen Stufen hinunter, die sie noch von der Eingangshalle trennten.
„Oh Gott! Elena!“, rief sie. „Was habe ich getan?“
Sie kniete sich neben die Schwangere, ohne sie wirklich zu berühren.
„Ich schwöre, ich wollte das nicht!“, schluchzte sie. „Sie ist plötzlich auf mich zugestürmt. Ich habe sie nur von mir weggedrückt. Ich wollte mich verteidigen!“
Mrs. Margaret Howard, die Mutter von Elenas Ehemann, stand am Fuß der Treppe. Eine Hand presste sie gegen ihre Brust, während die andere sich am Geländer festklammerte.
„Was ist passiert?“, fragte sie mit bebender Stimme.
Vanessa hob den Kopf. Tränen glänzten in ihren Augen, doch hinter ihnen lag eine Aufmerksamkeit, die nicht zu ihrer gespielten Verzweiflung passte. Sie beobachtete jede Reaktion, jedes Zögern und jeden Blick.
„Ich weiß es nicht“, flüsterte sie. „Elena war außer sich. Sie hat mich beschuldigt, ihr etwas wegnehmen zu wollen. Dann kam sie auf mich zu. Ich hatte Angst.“
Auf dem Boden lag Elena Howard, im siebten Monat schwanger. Ihr helles Kleid hatte sich über den kalten Marmor ausgebreitet. Eine Hand ruhte nahe ihrem Bauch, die andere lag ausgestreckt neben ihr. Ihr Gesicht war blass, und ihre Augen waren geschlossen.
Sie bewegte sich nicht.
Von außen sah sie aus wie eine Frau, die das Bewusstsein verloren hatte.
Doch Elena war nicht bewusstlos.
Sie hörte jedes Wort.
Sie spürte den harten Boden unter ihrer Schulter, den stechenden Schmerz in ihrer Seite und die feinen Erschütterungen, die durch ihren Körper liefen, während sie versuchte, ruhig zu atmen. Ihre rechte Hand lag unter dem Rand ihrer Strickjacke. Dort, verborgen vor den Blicken der anderen, befand sich ihr Telefon.
Sie hatte nur noch eine Aufgabe.
Sie musste warten.
„Ruft einen Arzt!“, rief Margaret schließlich.
„Natürlich“, antwortete Vanessa hastig. „Aber bitte, niemand soll voreilige Schlüsse ziehen. Elena hatte in letzter Zeit schreckliche Stimmungsschwankungen. Sie ist sehr empfindlich geworden. Vielleicht ist sie einfach ausgerutscht.“
Sie richtete sich auf und tupfte sich mit einem Taschentuch die Augen ab.
„Ich habe sie immer wie eine Schwester behandelt.“
Diese Worte trafen Elena beinahe stärker als der Aufprall.
Wie eine Schwester.
Vanessa hatte diese Worte schon oft benutzt. Sie hatte sie benutzt, als sie Elena zum ersten Mal in der Howard-Villa begrüßte. Sie hatte sie benutzt, als sie Elenas Hand hielt und versprach, ihr während der Schwangerschaft zu helfen. Und sie hatte sie benutzt, als sie bei Familienessen neben Elena saß und mit sanfter Stimme behauptete, keine andere Frau könne sich mehr über das Glück von Daniel Howard freuen.
Dabei hatte Vanessa von Anfang an etwas anderes gewollt.
Nicht Freundschaft.
Nicht Versöhnung.
Nicht einmal Daniels Liebe.
Sie wollte das Vermögen der Familie Howard, die Kontrolle über das Unternehmen und das Anwesen, in dem sie seit Jahren wie ein Familienmitglied ein- und ausging.
Und Elena stand ihr dabei im Weg.
„Sie hat diese Familie zerstört“, sagte Vanessa plötzlich.
Margaret drehte sich zu ihr um.
„Was meinst du?“
Vanessa senkte den Blick. Ihre Stimme wurde leiser, als müsse sie sich überwinden, die Wahrheit auszusprechen.
„Ich wollte es dir nicht sagen. Ich wollte Daniel nicht verletzen. Aber ich kann nicht länger schweigen. Elena liebt ihn nicht. Sie liebt sein Geld. Das Haus. Den Namen Howard. Alles.“
„Das ist nicht wahr“, murmelte Margaret.
Vanessa hob den Kopf. Eine Träne lief über ihre Wange.
„Ich wünschte, es wäre nicht wahr.“
Sie begann, die Geschichte zu erzählen, die sie seit Wochen vorbereitet hatte. Sie sprach von angeblich verschwundenen Dokumenten, von verdächtigen Überweisungen, von Gesprächen, die Elena nie geführt hatte, und von einem angeblichen Streit, den niemand sonst gehört hatte. Sie stellte sich als die einzige Person dar, die versucht hatte, Daniel vor einer Frau zu schützen, die ihn angeblich ausnutzte.
Je länger Vanessa sprach, desto sicherer wurde ihre Stimme.






