„Ich habe nicht gesagt, dass ich dich hinauswerfe. Ich habe gesagt, dass du gehen solltest, bevor du etwas sagst, das du später bereust.“
Vanessa lachte kurz.
„Du glaubst wirklich, du bist die moralisch überlegene Person in diesem Haus.“
Elena blieb ruhig.
„Ich möchte keinen Streit.“
„Weil du weißt, dass du ihn verlieren würdest.“
Vanessa nahm die Mappe und warf einige Blätter auf den Tisch. Es waren Kopien der gefälschten Dokumente, die Elena bereits kannte.
„Hier ist deine Unterschrift“, sagte Vanessa. „Hier sind die Überweisungen. Hier ist das Geld, das du angeblich nicht genommen hast. Wie willst du das erklären, wenn Daniel davon erfährt?“
Elena sah auf die Papiere.
„Die Unterlagen sind gefälscht.“
„Das kannst du behaupten.“
„Die Polizei untersucht den Vorgang bereits.“
Vanessas Gesicht veränderte sich.
Nur für einen Augenblick.
Doch Elena bemerkte es.
„Welche Polizei?“, fragte Vanessa.
„Detective Ruiz.“
Vanessa trat einen Schritt näher.
„Du hast die Polizei eingeschaltet?“
„Ja.“
„Gegen mich?“
„Ich habe niemanden beschuldigt. Ich habe Beweise übergeben und um eine Untersuchung gebeten.“
Vanessa presste die Lippen zusammen. Ihre Hände zitterten, aber nicht aus Angst. Sie war wütend, weil Elena etwas getan hatte, womit sie nicht gerechnet hatte.
„Du hast keine Ahnung, was du gerade angerichtet hast.“
„Ich habe nichts angerichtet. Wenn du nichts mit den Buchungen zu tun hast, wird sich das zeigen.“
Vanessa sah sie lange an.
Dann lächelte sie wieder.
„Du bist naiv.“
Sie nahm die Papiere zusammen und verließ den Wintergarten.
Elena blieb zurück. Ihr Herz schlug schneller. Sie griff nach ihrem Telefon und schrieb Daniel eine kurze Nachricht, in der sie ihm mitteilte, dass Vanessa bei ihr gewesen war und dass sie den Eindruck hatte, die Situation könnte eskalieren.
Daniel antwortete wenige Minuten später.
Bleib nicht allein mit ihr. Ich komme so schnell wie möglich zurück.
Elena las die Nachricht zweimal.
Dann steckte sie das Telefon ein und ging in ihr Schlafzimmer. Sie wollte sich hinlegen, doch die Unruhe ließ sie nicht los. Sie erinnerte sich an Ruiz’ Rat, alle ungewöhnlichen Ereignisse zu dokumentieren. Sie notierte die Uhrzeit des Gesprächs und beschrieb Vanessas Aussagen so genau, wie sie konnte.
Als sie später die Treppe hinunterging, hörte sie Stimmen aus dem Salon.
Margaret war zurückgekommen. Claire saß auf dem Sofa, und Vanessa stand am Kamin.
„Ich sage nur, dass wir nicht länger so tun können, als wäre alles in Ordnung“, hörte Elena Vanessa sagen.
„Was soll das heißen?“, fragte Claire.
„Elena hat die Polizei eingeschaltet. Sie versucht, mich als Betrügerin darzustellen.“
Elena blieb am oberen Treppenabsatz stehen.
„Das habe ich nicht gesagt.“
Alle drehten sich zu ihr um.
Vanessa hob beide Hände.
„Ich habe doch nur berichtet, was passiert ist.“
„Du hast behauptet, ich würde dich beschuldigen. Das stimmt nicht.“
„Du hast Detective Ruiz eingeschaltet.“
„Ich habe Beweise übergeben.“
Margaret sah zwischen den beiden Frauen hin und her.
„Können wir bitte ruhig bleiben?“
„Ich bin ruhig“, sagte Elena.
Vanessa schnaubte.
„Natürlich. Du bist immer ruhig, wenn du versuchst, andere schlecht aussehen zu lassen.“
Elena stieg eine Stufe hinunter.
„Vanessa, bitte. Wir können das später mit Daniel besprechen.“
„Nein!“, rief Vanessa plötzlich. „Du wirst nicht wieder alles bestimmen!“
Ihre Stimme war so laut, dass Claire erschrocken aufstand.
„Vanessa, was ist los mit dir?“
Doch Vanessa hörte nicht mehr zu. Sie hatte den Moment erreicht, auf den sie sich vorbereitet hatte. Sie brauchte einen Streit, eine Bewegung, einen Anschein von Bedrohung. Sie musste die Situation so aussehen lassen, als sei Elena diejenige gewesen, die die Kontrolle verloren hatte.
Sie ging zur Treppe und stellte sich Elena in den Weg.
„Du wirst dieses Haus verlassen“, sagte sie.
Elena blieb stehen.
„Das entscheidest nicht du.“
Vanessa trat näher.
„Du wirst gehen. Du und dein ungeborenes Kind. Und Daniel wird endlich verstehen, was für eine Frau er geheiratet hat.“
„Hör auf“, sagte Elena.
„Oder was? Rufst du wieder die Polizei?“
Elena griff nach dem Geländer.
„Ich möchte, dass du Abstand hältst.“
Vanessa sah zu Margaret, die unsicher am Fuß der Treppe stand. Dann sah sie zu Claire. Sie wusste, dass beide Frauen jedes Wort hören würden.
„Sieh sie dir an“, sagte Vanessa. „Sie droht mir sogar jetzt.“
„Ich habe dir nicht gedroht.“
„Du hast gesagt, ich soll Abstand halten!“
„Weil du mir zu nahe kommst.“
Vanessa machte einen weiteren Schritt.
Elena wich zurück. Ihr Fuß berührte die Kante der nächsten Stufe.
„Bleib stehen“, sagte Elena.
Vanessa packte ihren Arm.
Elena riss sich los.
Für einen winzigen Augenblick standen beide Frauen still. Margaret hob eine Hand, als wolle sie dazwischengehen.
Dann stieß Vanessa Elena mit beiden Händen gegen die Brust.
Es war keine zufällige Berührung. Es war kein Versuch, sich vor einem Angriff zu schützen.
Es war ein gezielter Stoß.
Elena verlor das Gleichgewicht. Ihre Hand griff nach dem Geländer, verfehlte es jedoch. Sie stolperte rückwärts über die Stufen und schlug hart auf dem Marmorboden auf.





