„Ich will nicht, dass jemand bestraft wird, nur weil ich ihn verdächtige. Ich will wissen, was wirklich passiert.“
Ruiz betrachtete sie einen Moment lang.
„Das ist ein guter Anfang.“
Er erklärte ihr, welche Beweise rechtmäßig gesichert werden konnten und wie wichtig es war, nichts zu verändern oder zu provozieren. Elena sollte keine privaten Konten öffnen, auf die sie keinen Zugriff hatte, und keine Gespräche heimlich manipulieren. Alles, was sie bereits besaß, sollte dokumentiert und unverändert übergeben werden.
Elena hielt sich daran.
In den nächsten Wochen sammelte sie Rechnungen, E-Mails und offizielle Buchungsunterlagen. Daniel unterstützte die interne Prüfung, ohne die Ermittlungen zu beeinflussen. Als er erfuhr, dass Elena mit Ruiz gesprochen hatte, reagierte er zunächst besorgt.
„Warum hast du mir nichts gesagt?“
Elena saß am Fenster ihres Schlafzimmers. Draußen bewegten sich die Äste der Eichen im Wind.
„Weil ich nicht wollte, dass du zwischen mir und deiner Familie wählen musst, bevor wir wissen, was passiert ist.“
Daniel setzte sich neben sie.
„Du bist meine Familie.“
„Ich weiß.“
„Dann musst du mich nicht schützen, indem du mir die Wahrheit vorenthältst.“
Elena senkte den Kopf.
„Ich wollte nur verhindern, dass alles noch schlimmer wird.“
Daniel legte einen Arm um ihre Schultern.
„Wir werden das gemeinsam lösen.“
Doch Vanessa hatte längst bemerkt, dass sich etwas veränderte. Richard wurde nervös. Daniel stellte ungewöhnliche Fragen. Elena hörte auf, sich für jedes Gerücht zu rechtfertigen, und begann stattdessen, alles zu dokumentieren.
Vanessa spürte, dass ihre Kontrolle schwand.
Sie wusste nicht, wie viel Elena bereits entdeckt hatte. Sie wusste nur, dass sie handeln musste, bevor die Ermittlungen zu weit fortschritten.
Deshalb entschied sie, Elena nicht länger nur beruflich zu schaden. Sie wollte sie aus der Familie drängen, ihren Ruf zerstören und dafür sorgen, dass Daniel selbst an ihrer Seite zweifelte.
Wenn Elena die Villa verlassen musste, wenn Daniel sich von ihr abwandte und wenn die Familie glaubte, dass die Schwangere gefährlich oder instabil war, konnte Vanessa sich als diejenige darstellen, die in einer schwierigen Situation Verantwortung übernahm.
Sie plante einen Streit, der öffentlich genug sein sollte, um glaubwürdig zu wirken, aber chaotisch genug, dass niemand genau sagen konnte, was geschehen war.
Sie wollte, dass Elena die Beherrschung verlor.
Sie wollte, dass die Familie sah, wie die angeblich liebevolle Schwiegertochter sich gegen sie wandte.
Und wenn Elena dabei stürzte, so dachte Vanessa, würde jeder glauben, dass es ein Unfall gewesen war.
Der Tag des Sturzes begann mit Regen.
Dunkle Wolken lagen über der Stadt, und die Zufahrt zum Howard-Anwesen glänzte unter einer dünnen Wasserschicht. Elena war früh aufgestanden. Sie hatte in der Nacht schlecht geschlafen, weil das Baby sich ungewöhnlich viel bewegt hatte. Bei der morgendlichen Untersuchung hatte ihre Ärztin ihr geraten, Stress zu vermeiden und bei Schmerzen oder Blutungen sofort medizinische Hilfe zu suchen.
Daniel wollte sie begleiten, doch ein dringendes Treffen mit mehreren Krankenhausvertretern war verschoben worden und musste noch am selben Vormittag stattfinden.
„Ich komme direkt zurück“, versprach er, bevor er das Haus verließ.
Elena küsste ihn.
„Mach dir keine Sorgen. Ich werde mich ausruhen.“
Er betrachtete sie aufmerksam.
„Wenn irgendetwas ist, ruf mich an. Egal, wo ich bin.“
„Das mache ich.“
Als Daniel fort war, ging Elena in den Wintergarten. Sie wollte ein wenig lesen und danach schlafen. Doch bevor sie sich setzen konnte, erschien Vanessa in der Tür.
Sie trug ein elegantes dunkelblaues Kleid und hatte ihre Haare sorgfältig hochgesteckt. In den Händen hielt sie eine Mappe.
„Elena, hast du einen Moment?“
Elena sah auf.
„Worum geht es?“
Vanessa trat ein und schloss die Tür hinter sich.
„Um die Unterlagen, die du angeblich nicht kennst.“
Elena legte ihr Buch beiseite.
„Wenn du über die Buchungen sprechen willst, dann sollten wir Daniel und die Anwälte hinzuziehen.“
Vanessa lächelte dünn.
„Du versteckst dich immer hinter Daniel.“
„Ich verstecke mich nicht. Ich möchte, dass alles korrekt geklärt wird.“
„Natürlich.“ Vanessa legte die Mappe auf den Tisch. „Du möchtest, dass alles korrekt geklärt wird, weil du genau weißt, dass man dir nichts beweisen kann.“
Elena spürte, wie sich ihr Magen zusammenzog. Nicht wegen der Schwangerschaft, sondern wegen der plötzlichen Offenheit in Vanessas Stimme.
„Was willst du?“
Vanessa ging zum Fenster.
„Ich will, dass du endlich aufhörst, so zu tun, als gehörtest du hierher.“
Elena starrte sie an.
„Dieses Haus gehört Daniel und seiner Familie. Ich bin seine Frau.“
„Du bist eine Frau, die vor ein paar Jahren noch in einer kleinen Wohnung lebte und jetzt in einem Haus wohnt, das sie sich niemals hätte leisten können.“
„Ich habe Daniel nicht wegen seines Geldes geheiratet.“
„Das sagst du natürlich.“
Vanessa drehte sich um. Ihr Lächeln war verschwunden.
„Du hast alles bekommen. Den Ring. Den Namen. Die Aufmerksamkeit. Jetzt bekommst du auch noch das Kind, und alle werden dich behandeln, als wärst du unantastbar.“
Elena richtete sich langsam auf.
„Du solltest gehen.“
„Du kannst mich nicht aus diesem Haus werfen.“





