Daniel stand mitten in Emilys kleiner Wohnung und starrte auf den Brief in seinen Händen. Die Worte verschwammen vor seinen Augen, doch ein Satz brannte sich immer tiefer in sein Gedächtnis ein.

„Dein Vater wusste die ganze Zeit, wo wir waren.“

Er las ihn noch einmal. Dann ein drittes Mal.

Das konnte nicht wahr sein.

Sein Vater, Richard Brooks, war ein Mann, der jedes Problem mit Geld löste und jeden Menschen kontrollierte, der ihm im Weg stand. Aber Daniel hatte immer geglaubt, dass selbst Richard eine Grenze hatte.

Offenbar hatte er sich geirrt.

„Daniel?“

Lucas stand neben der Tür. Seine Stimme zitterte.

„Was steht in dem Brief? Wo ist meine Mutter?“

Daniel zwang sich, den Blick von dem Papier zu lösen.

„Wir werden sie finden. Das verspreche ich dir.“

Lucas schüttelte sofort den Kopf.

„Das hat meine Mutter auch immer gesagt, wenn sie nicht wollte, dass ich mir Sorgen mache.“

Diese Antwort traf Daniel mitten ins Herz. Er kniete sich vor den Jungen, sodass sie auf Augenhöhe waren.

„Du hast recht. Du kennst mich nicht. Ich habe dir keinen Grund gegeben, mir zu vertrauen. Aber ich werde deine Mutter nicht allein lassen. Nicht noch einmal.“

Lucas musterte ihn lange.

„Und wenn dein Vater sie mitgenommen hat?“

Daniel erstarrte.

Genau diese Frage hatte er sich selbst noch nicht zu beantworten gewagt.

Er zog sein Handy aus der Tasche und rief sofort die Nummer von Emilys Krankenhaus an. Die Mitarbeiterin am Empfang bestätigte, dass Emily tatsächlich kurz zuvor eingeliefert worden war. Sie hatte starke Schmerzen und war bei ihrer Ankunft kaum noch bei Bewusstsein gewesen.

„Ist sie noch dort?“, fragte Daniel hastig.

Am anderen Ende der Leitung entstand eine kurze Pause.

„Ihre Unterlagen wurden von einem Mann angefordert, der sich als Familienangehöriger ausgegeben hat. Anschließend wurde sie in eine andere Einrichtung verlegt.“

„Welche Einrichtung?“

„Das kann ich Ihnen ohne entsprechende Berechtigung nicht sagen.“

Daniel schloss die Augen.

„Mein Name ist Daniel Brooks. Ich übernehme sämtliche Kosten für ihre Behandlung. Bitte verbinden Sie mich mit dem zuständigen Arzt.“

Doch das Gespräch endete, ohne dass er weitere Informationen erhielt.

Als er sein Handy senkte, bemerkte er, dass Lucas ihn beobachtete.

„Du kannst sie nicht einfach kaufen“, sagte der Junge leise.

Daniel sah ihn an.

„Was meinst du?“

„Du denkst, wenn du genug Geld hast, machen alle, was du willst.“

Lucas’ Stimme brach.

„Aber meine Mutter hat nie jemanden gebraucht, der ihr Geld gibt. Sie brauchte jemanden, der bleibt.“

Daniel hatte keine Antwort darauf.

Denn Lucas hatte gerade etwas ausgesprochen, das er selbst seit zwanzig Jahren vor sich hergeschoben hatte.

Er hatte gelernt, wie man ein Unternehmen führte, wie man Verträge aushandelte und wie man Menschen dazu brachte, ihm zuzuhören.

Aber er hatte nie gelernt, wie man um Vergebung bat.

Und jetzt stand ein achtjähriger Junge vor ihm, der ihm zeigte, wie wenig all diese Fähigkeiten wert waren.

Kapitel 1: Der Mann hinter der Tür

Daniel brachte Lucas zunächst zu seinem Haus. Es war eine große Villa am Rand der Stadt, umgeben von hohen Hecken, einer breiten Auffahrt und einem Garten, der aussah, als wäre jedes einzelne Blatt sorgfältig ausgewählt worden.

Lucas blieb vor dem Eingang stehen.

„Wohnst du wirklich hier?“

Daniel nickte.

Der Junge blickte auf die hohen Fenster, die Marmorstufen und die glänzende Eingangstür.

„Warum hast du dann meine Mutter in dieser kleinen Wohnung leben lassen?“

Daniel spürte, wie ihm der Magen schwer wurde.

„Weil ich nicht wusste, wo sie war.“

Lucas sah ihn ungläubig an.

„Aber du hast doch gerade gesagt, dass du dich an sie erinnert hast.“

„Das habe ich.“

„Dann hättest du sie suchen können.“

Daniel senkte den Blick.

Er hätte sie suchen können.

Er hätte nach dem Krankenhaus fragen, alte Bekannte kontaktieren und die Stadt durchsuchen können. Er hätte jeden Stein umdrehen können.

Doch irgendwann hatte er aufgehört, sich Fragen zu stellen. Er hatte sich eingeredet, Emily habe ein neues Leben begonnen und wolle nichts mehr mit ihm zu tun haben.

Diese Erklärung war bequem gewesen.

Sie hatte ihm erlaubt, weiterzumachen.

Und sie hatte ihn davor bewahrt, sich der Wahrheit zu stellen.

„Du hast recht“, sagte Daniel schließlich. „Ich hätte sie suchen müssen.“

Lucas antwortete nicht.

Im Haus wartete Daniels langjährige Haushälterin Margaret. Als sie den Jungen sah, lächelte sie freundlich, doch ihr Lächeln verschwand, als sie Daniels ernsten Gesichtsausdruck bemerkte.

„Herr Brooks, ist alles in Ordnung?“

„Margaret, bereiten Sie bitte ein Zimmer für Lucas vor. Und sorgen Sie dafür, dass er etwas zu essen bekommt.“

Lucas zog seine Jacke enger um sich.

„Ich will kein Zimmer.“

Daniel drehte sich zu ihm um.

„Was möchtest du dann?“

„Ich will meine Mutter.“

Die Worte hallten durch die Eingangshalle.

Daniel schloss kurz die Augen.

„Ich weiß.“

„Nein, das weißt du nicht.“

Lucas wandte sich ab und setzte sich auf die unterste Treppenstufe.

Margaret trat vorsichtig näher.