„Vielleicht sollte ich ihm etwas Warmes zu essen bringen.“
Daniel nickte dankbar.
Während Margaret in die Küche ging, holte Daniel erneut sein Handy hervor. Diesmal rief er nicht im Krankenhaus an.
Er wählte die Nummer seines Vaters.
Richard Brooks meldete sich nach dem zweiten Klingeln.
„Daniel. Was für eine Überraschung.“
Seine Stimme klang ruhig, fast gelangweilt.
„Wo ist Emily?“
Am anderen Ende der Leitung herrschte Stille.
Dann lachte Richard leise.
„Ich weiß nicht, wovon du sprichst.“
„Spiel nicht mit mir.“
„Ich habe keine Zeit für deine Dramen. Wenn es um das Unternehmen geht, können wir morgen sprechen.“
„Emily wurde heute aus dem Krankenhaus verlegt. Jemand hat ihre Unterlagen angefordert. Und ich habe einen Brief gefunden.“
Diesmal blieb das Lachen aus.
„Welchen Brief?“
Daniel wusste sofort, dass er einen Fehler gemacht hatte.
Sein Vater kannte den Inhalt nicht.
Noch nicht.
„Einen Brief von Emily. Sie schreibt, dass du die ganze Zeit gewusst hast, wo sie und Lucas waren.“
Am anderen Ende der Leitung atmete Richard hörbar aus.
„Du solltest dich aus dieser Angelegenheit heraushalten.“
Daniel umklammerte sein Handy.
„Du hast also davon gewusst.“
„Du verstehst nicht, was damals passiert ist.“
„Dann erklär es mir.“
„Nicht am Telefon.“
„Wo ist Emily?“
Richard antwortete nicht direkt.
„Komm morgen früh in mein Büro. Allein. Wenn du deine Mutter von dieser Geschichte fernhalten willst, solltest du vernünftig sein.“
Daniel runzelte die Stirn.
Seine Mutter?
Was hatte sie damit zu tun?
„Was hat sie damit zu tun?“
Richard legte auf.
Daniel blieb regungslos stehen.
Hinter ihm hörte er Lucas mit Margaret sprechen. Der Junge fragte, ob er seine Schuhe anbehalten dürfe, weil er den Boden nicht schmutzig machen wolle.
Daniel sah auf den Marmorboden.
Dann auf die abgetragenen Turnschuhe seines Sohnes.
Er hatte zwanzig Jahre lang in einem Haus gelebt, in dem alles seinen Platz hatte.
Nur seine Familie nicht.
Kapitel 2: Die Wahrheit aus der Vergangenheit
In dieser Nacht schlief Daniel kaum.
Er ließ Lucas in einem Gästezimmer schlafen, dessen Tür offen blieb. Der Junge wollte nicht, dass jemand das Licht ausschaltete, und Daniel ließ eine kleine Lampe auf dem Nachttisch brennen.
Kurz nach Mitternacht hörte Daniel Schritte im Flur.
Lucas stand in der Tür und hielt das alte Foto seiner Mutter fest.
„Kann ich bei dir bleiben?“
Daniel setzte sich auf.
„Natürlich.“
Lucas kletterte auf einen Sessel neben dem Bett.
Eine Weile sagte keiner von beiden etwas.
Dann fragte der Junge: „Hat meine Mutter dich wirklich geliebt?“
Daniel schluckte.
„Ja. Mehr, als ich verdient habe.“
„Warum hat sie dann nie wieder geheiratet?“
Diese Frage überraschte ihn.
„Das weiß ich nicht.“
Lucas blickte auf das Foto.
„Sie sagte, dass Menschen manchmal etwas verlieren, weil sie Angst haben, dafür zu kämpfen. Sie hat nie schlecht über dich gesprochen. Aber manchmal, wenn sie dachte, ich schlafe, hat sie geweint.“
Daniel spürte, wie ihm die Tränen in die Augen stiegen.
„Es tut mir leid.“
Lucas sah ihn an.
„Du musst dich nicht bei mir entschuldigen, wenn du es nicht ernst meinst.“
Daniel rückte näher.
„Ich meine es ernst.“
„Dann finde sie.“
Der Junge stand auf und ging zurück in sein Zimmer.
Daniel blieb allein zurück.
Am nächsten Morgen fuhr er zu dem Bürogebäude seines Vaters. Das Unternehmen Brooks Construction gehörte zu den größten Bauunternehmen der Region. Richard hatte es über Jahrzehnte aufgebaut und galt als einer der einflussreichsten Geschäftsleute des Landes.
Daniel hatte die Firma übernommen, als sein Vater sich offiziell aus dem Tagesgeschäft zurückgezogen hatte. Inzwischen war Daniel selbst Vorstandsvorsitzender.
Er hatte geglaubt, sich damit von den Erwartungen seines Vaters befreit zu haben.
Doch als er Richards Büro betrat, fühlte er sich wieder wie der verängstigte junge Mann, der vor zwanzig Jahren vor einer unmöglichen Entscheidung gestanden hatte.
Richard saß hinter seinem Schreibtisch.
Neben ihm stand eine Frau, die Daniel sofort erkannte.
Seine Mutter, Margaret Brooks.
Sie sah blass aus. Ihre Hände lagen ineinander verschränkt, und in ihrem Gesicht lag eine Unruhe, die Daniel bei ihr selten erlebt hatte.
„Setz dich“, sagte Richard.
Daniel blieb stehen.
„Wo ist Emily?“
Richard deutete auf einen Stuhl.
„Du wirst dich setzen und zuhören.“
„Nicht, bevor du mir sagst, wo sie ist.“
Seine Mutter trat einen Schritt vor.
„Daniel, bitte. Es gibt Dinge, die du nicht weißt.“
Er drehte sich zu ihr um.
„Dann fangt endlich an, sie mir zu erklären.“
Richard lehnte sich zurück.
„Vor zwanzig Jahren war unsere Familie in einer schwierigen Lage. Das Unternehmen stand kurz vor einem großen Vertrag, von dem Tausende Arbeitsplätze abhingen. Ein Skandal hätte alles zerstören können.“
„Was hat Emily damit zu tun?“
„Du warst jung. Du warst verliebt. Du dachtest, Liebe würde jedes Problem lösen.“
Daniel lachte bitter.
„Und du dachtest, Geld würde jedes Problem lösen.“
Richards Gesicht verhärtete sich.
„Ich habe getan, was notwendig war.“
„Hast du Emily bedroht?“
Sein Vater schwieg.
„Hast du dafür gesorgt, dass sie verschwindet?“





