„Er hatte Angst, dass ich sterbe.“
Daniel setzte sich vorsichtig auf den Stuhl neben ihrem Bett.
„Wie lange bist du schon krank?“
Emily schwieg.
„Emily, bitte.“
„Seit Monaten. Ich habe versucht, es zu ignorieren. Ich dachte, es würde besser werden. Aber irgendwann konnte ich kaum noch arbeiten.“
„Warum hast du niemanden um Hilfe gebeten?“
Sie sah ihn an.
„Wen hätte ich fragen sollen? Den Mann, der uns verlassen hat?“
Daniel senkte den Kopf.
„Nein. Du hättest mich nicht fragen müssen. Ich hätte da sein müssen.“
Emily atmete langsam aus.
„Es geht nicht nur um das Geld. Ich hatte Angst, dass du zurückkommst, alles kontrollieren willst und Lucas wieder wehtust.“
„Ich werde ihn nicht zwingen, mich als seinen Vater zu akzeptieren.“
„Und wenn er dich niemals akzeptiert?“
Daniel blickte auf seine Hände.
„Dann werde ich trotzdem dafür sorgen, dass er weiß, dass er nicht allein ist. Aber ich werde ihm nicht vorschreiben, was er fühlen soll.“
Emily beobachtete ihn.
„Das klingt anders als der Daniel, den ich kannte.“
„Vielleicht, weil ich endlich begreife, was ich verloren habe.“
Sie schwieg lange.
Dann griff sie unter ihr Kopfkissen und holte einen kleinen, gefalteten Zettel hervor.
„Ich wollte dir das eigentlich nie geben.“
Daniel nahm ihn vorsichtig entgegen.
Es war eine alte Karte, auf deren Rückseite eine Adresse stand.
Darunter hatte Emily einen Namen geschrieben.
Thomas Miller.
„Wer ist das?“, fragte Daniel.
Emily sah zur Tür, als hätte sie Angst, jemand könnte mithören.
„Er war damals dein bester Freund. Er hat mir geholfen, nachdem Lucas geboren wurde.“
Daniel erstarrte.
Thomas war sein engster Freund an der Universität gewesen. Sie hatten zusammen studiert, gemeinsam gearbeitet und sich versprochen, einander niemals im Stich zu lassen.
Dann war Thomas plötzlich aus seinem Leben verschwunden.
Richard hatte behauptet, er habe Geld gestohlen und sei aus dem Land geflohen.
„Was hat Thomas mit meinem Vater zu tun?“
Emily schloss die Augen.
„Er weiß, was in jener Nacht wirklich passiert ist.“
Kapitel 4: Der Freund, der nie verschwunden war
Am nächsten Morgen fuhr Daniel zu der Adresse auf der Karte.
Sie führte ihn zu einem kleinen Haus am Rand einer ruhigen Kleinstadt. Das Gebäude war unscheinbar, der Garten ungepflegt, und auf der Veranda standen zwei alte Stühle.
Daniel klingelte.
Ein Mann öffnete die Tür.
Er war älter geworden. Sein Haar war grau, sein Gesicht von tiefen Falten gezeichnet. Doch Daniel erkannte ihn sofort.
„Thomas.“
Der Mann wurde kreidebleich.
„Daniel?“
Für einige Sekunden standen sie sich schweigend gegenüber.
Dann trat Thomas einen Schritt zurück.
„Du solltest nicht hier sein.“
„Das habe ich in letzter Zeit oft gehört.“
Thomas blickte die Straße hinunter.
„Komm rein.“
Im Wohnzimmer standen alte Bücherregale und ein kleiner Tisch. Thomas bot Daniel einen Kaffee an, doch Daniel lehnte ab.
„Ich will wissen, warum du verschwunden bist.“
Thomas setzte sich langsam.
„Weil dein Vater mich dazu gebracht hat.“
Daniel spürte, wie sich seine Hände verkrampften.
„Wie?“
„Ich hatte Beweise dafür gefunden, dass Richard Gelder aus einem Projekt umgeleitet hatte. Ich wusste nicht, wie weit das ging, aber ich wusste, dass etwas nicht stimmte. Als ich ihn darauf ansprach, drohte er mir.“
„Und dann?“
„Er sagte, er würde mich wegen Diebstahls anzeigen. Er hatte Dokumente, die so aussahen, als hätte ich Geld veruntreut. Ich wusste, dass ich mich vor Gericht kaum verteidigen könnte. Also ging ich.“
„Warum hast du mir nichts gesagt?“
Thomas lachte bitter.
„Ich habe es versucht. Mehrmals. Deine Telefonnummer wurde geändert. Meine Briefe kamen zurück. Als ich schließlich deine Mutter kontaktierte, sagte sie, du wolltest nichts mehr von mir wissen.“
Daniel schüttelte langsam den Kopf.
„Ich habe nie einen deiner Briefe erhalten.“
„Das weiß ich jetzt.“
Thomas stand auf und ging zu einem Schrank. Er holte eine alte Metallkiste heraus, öffnete sie und legte mehrere Dokumente auf den Tisch.
„Ich habe alles aufbewahrt.“
Daniel begann zu lesen.
Es waren Kopien von Überweisungen, interne Nachrichten und Briefe. Mehrere Dokumente zeigten, dass Richard Zahlungen an eine private Ermittlungsfirma geleistet hatte.
Der Zweck war eindeutig: Emily und ihr Sohn sollten gefunden und überwacht werden.
Auf einer Liste standen mehrere Adressen, an denen Emily in den vergangenen zwanzig Jahren gelebt hatte.
Daniel erkannte die Adresse ihrer letzten Wohnung.
„Er wusste es“, flüsterte er.
Thomas nickte.
„Er wusste, wo sie war. Er wollte nur nicht, dass du es erfährst.“
„Warum?“
Thomas zog ein weiteres Dokument hervor.
Es war ein Brief von Richard an einen Anwalt. Darin ging es um eine mögliche Auseinandersetzung über das Familienunternehmen und die Erbfolge.
„Dein Vater hatte Angst, dass du die Firma verlassen würdest, wenn du dich für Emily entscheidest“, erklärte Thomas. „Er glaubte, dass du ohne die Unterstützung deiner Familie scheitern würdest. Und er wollte verhindern, dass du dein eigenes Leben führst.“
Daniel starrte auf das Dokument.
„Also hat er sie absichtlich von mir ferngehalten.“
„Ja.“





