„Und warum hat er sie jetzt aus dem Krankenhaus holen lassen?“
Thomas zögerte.
Dann zog er eine weitere Akte aus der Kiste.
„Weil er erfahren hat, dass du sie wiedergefunden hast.“
In der Akte befand sich eine Nachricht, die erst wenige Tage zuvor verschickt worden war. Richard hatte einen Mitarbeiter angewiesen, die Situation unter Kontrolle zu bringen, bevor Daniel Fragen stellen konnte.
Es ging nicht nur um Emily.
Es ging auch um Lucas.
Daniel las die Zeilen zweimal.
Sein Vater hatte offenbar befürchtet, dass Lucas als sein Sohn rechtliche Ansprüche auf Teile des Familienvermögens haben könnte. Noch wichtiger war jedoch, dass eine Untersuchung alter Unternehmensunterlagen andere Unregelmäßigkeiten ans Licht bringen konnte.
„Er wollte mich schützen“, sagte Daniel leise, mehr zu sich selbst als zu Thomas.
Thomas schüttelte den Kopf.
„Nein, Daniel. Er wollte sich selbst schützen.“
Daniel sah auf.
Thomas beugte sich vor.
„Du musst etwas verstehen. Dein Vater hat nicht nur Emily und dich belogen. Er hat Menschen eingeschüchtert, Unterlagen verändert und dafür gesorgt, dass niemand die Wahrheit erfährt. Und solange du geschwiegen hast, konnte er so weitermachen.“
Daniel stand auf.
„Dann ist es vorbei.“
Thomas blickte ihn ernst an.
„Wenn du gegen ihn vorgehst, verlierst du möglicherweise alles.“
Daniel dachte an seine Villa, sein Unternehmen und seinen Namen auf den höchsten Etagen der Firmengebäude.
Dann dachte er an Lucas, der in der vergangenen Nacht gefragt hatte, warum seine Mutter immer geweint hatte.
„Vielleicht“, sagte Daniel. „Aber ich habe bereits das Wichtigste verloren. Ich werde nicht zulassen, dass er auch noch meinen Sohn verliert.“
Kapitel 5: Eine Entscheidung ohne Geld
Als Daniel nach Hause zurückkehrte, saß Lucas am Küchentisch. Vor ihm stand ein Teller mit Pfannkuchen, von denen er kaum etwas gegessen hatte.
Margaret saß ihm gegenüber.
„Er hat die ganze Zeit nach dir gefragt“, sagte sie.
Daniel setzte sich neben seinen Sohn.
„Ich war bei einem alten Freund. Er hat mir geholfen, etwas über deinen Großvater herauszufinden.“
Lucas legte seine Gabel hin.
„Ist mein Opa böse?“
Daniel überlegte lange.
„Ich glaube, er hat Dinge getan, die falsch waren. Und er hat versucht, sie zu verbergen.“
„Wird er meiner Mutter wehtun?“
„Das werde ich nicht zulassen.“
Lucas sah ihn misstrauisch an.
„Wie willst du das machen?“
Daniel antwortete nicht sofort.
„Indem ich die Wahrheit sage, auch wenn es für mich schwierig wird.“
Lucas betrachtete ihn.
„Und wenn du dadurch arm wirst?“
Daniel lächelte traurig.
„Dann muss ich lernen, mit weniger Geld zu leben.“
Der Junge schwieg.
Dann fragte er: „Kann man mit weniger Geld glücklich sein?“
Daniel sah auf die kleinen Hände seines Sohnes.
„Ich denke schon. Ich hatte früher fast nichts. Ich war nicht reich, aber ich war manchmal glücklicher als heute.“
„Warum?“
Daniel dachte an seine Studentenzeit, an die kleinen Mahlzeiten, die er mit Emily geteilt hatte, und an die Abende, an denen sie gemeinsam von ihrer Zukunft geträumt hatten.
„Weil ich damals Menschen hatte, die mir vertrauten. Und weil ich geglaubt habe, dass ich für sie da sein würde.“
Lucas senkte den Blick.
„Meine Mutter vertraut dir nicht.“
„Das verstehe ich.“
„Ich auch nicht.“
Daniel nickte.
„Das verstehe ich ebenfalls.“
Der Junge schien mit dieser Antwort nicht gerechnet zu haben.
„Du bist nicht sauer?“
„Nein. Du musst mir nicht vertrauen, nur weil ich dein Vater bin. Vertrauen muss ich mir verdienen.“
Lucas schwieg eine Weile.
Dann schob er den Teller mit den Pfannkuchen in Daniels Richtung.
„Du kannst einen haben.“
Daniel nahm einen Pfannkuchen.
Es war eine kleine Geste, beinahe unbedeutend.
Doch für Daniel fühlte sie sich an wie die erste Tür, die sich in zwanzig Jahren einen Spaltbreit geöffnet hatte.
Am selben Nachmittag rief Richard an.
„Ich habe gehört, dass du Thomas Miller besucht hast.“
Daniel blieb ruhig.
„Dann weißt du auch, dass ich die Unterlagen gesehen habe.“
„Du verstehst nicht, was du da tust.“
„Doch. Zum ersten Mal verstehe ich es.“
Richard sprach nun schärfer.
„Wenn du diese Angelegenheit öffentlich machst, gefährdest du das Unternehmen. Tausende Menschen könnten ihren Arbeitsplatz verlieren.“
„Dann hätte ich mir früher Gedanken darüber machen sollen, welche Art von Unternehmen ich führe.“
„Du willst deine eigene Familie zerstören?“
Daniel schloss die Augen.
„Nein. Ich will aufhören, deine Lügen zu schützen.“
„Du wirst es bereuen.“
„Vielleicht. Aber ich werde nicht mehr zulassen, dass Angst meine Entscheidungen bestimmt.“
Er legte auf.
Danach kontaktierte Daniel seinen Anwalt und übergab ihm sämtliche Unterlagen. Er bat um eine unabhängige Untersuchung und erklärte sich bereit, mit den zuständigen Behörden zusammenzuarbeiten.
Er wusste, dass die kommenden Wochen schwierig werden würden.
Er wusste auch, dass sein Vater versuchen könnte, sich zu verteidigen.
Doch zum ersten Mal seit zwanzig Jahren hatte Daniel das Gefühl, eine Entscheidung getroffen zu haben, die wirklich seine eigene war.





