Marcus lehnte sich zurück. Ein Teil von ihm empfand Mitleid mit der jungen Isabella, die sich einst möglicherweise verlassen und ungeliebt gefühlt hatte. Doch dieser Gedanke wurde sofort von der Erinnerung an Khloe verdrängt, die auf dem Marmorboden gelegen und um ihr ungeborenes Kind gebangt hatte.
Vergangenheit konnte erklären, warum jemand verletzt war.
Sie konnte nicht rechtfertigen, dass dieser Mensch andere verletzte.
„Wir werden die alten Dokumente den Ermittlern übergeben“, sagte Marcus.
„Das sollten wir.“
„Und wir werden nicht versuchen, die Sache zu vertuschen, nur weil sie früher zur Familie gehört hat.“
David sah ihn lange an. Dann nickte er.
„Genau das wollte ich von dir hören.“
In den folgenden Tagen wurde die Untersuchung ausgeweitet. Die Polizei stellte fest, dass Adrian Bell über mehrere Monate hinweg Kontakt zu Isabella gehalten hatte. Seine Firma hatte Dokumente erstellt, die den Anschein erweckten, als habe Marcus bestimmten Änderungen an der Familienstiftung zugestimmt.
Einige Unterschriften waren gefälscht.
Andere Dokumente enthielten Formulierungen, die Marcus niemals akzeptiert hätte.
Besonders beunruhigend war ein Entwurf, in dem vorgeschlagen wurde, im Fall einer medizinischen Krise der Mutter eine vorübergehende Betreuung des Kindes durch eine dritte Person zu beantragen. Die Begründung verwies auf angebliche psychische Instabilität und ein konfliktreiches häusliches Umfeld.
Die Aussagen über Khloe waren in dem Dokument verdreht und aus dem Zusammenhang gerissen worden.
Es gab keine Grundlage für die Behauptung, sie sei ungeeignet, ihr Kind zu versorgen.
Doch jemand hatte versucht, den Eindruck zu erwecken, dass genau das der Fall sei.
Marcus las die Unterlagen in Davids Büro. Als er den Abschnitt über Khloes angebliche Instabilität erreichte, legte er die Seiten beiseite.
„Sie wollte sie als Gefahr für unser eigenes Kind darstellen.“
David nickte.
„Ja.“
„Und dann hätte Isabella behaupten können, sie sei die Einzige, die helfen könne.“
„Das scheint ein Teil des Plans gewesen zu sein.“
Marcus stand auf und ging zum Fenster. Seine Hände zitterten vor Wut.
„Wenn Khloe die Vollmacht unterschrieben hätte, hätte Isabella möglicherweise Zugriff auf unsere Entscheidungen erhalten. Wenn sie sich geweigert hätte, hätte sie versucht, sie als unvernünftig darzustellen.“
„Möglicherweise.“
„Und wenn Khloe bei diesem Angriff schwerer verletzt worden wäre?“
David antwortete nicht.
Diese Möglichkeit stand zwischen ihnen wie ein Schatten.
Die Ermittler hatten inzwischen einen Durchsuchungsbeschluss für Isabellas Wohnung erhalten. Dort fanden sie mehrere Ordner mit Kopien privater Dokumente, darunter medizinische Terminübersichten, Informationen über Khloes Schwangerschaft und Entwürfe von Schreiben an eine Familienrechtskanzlei.
Außerdem entdeckten sie einen kleinen Kalender, in dem Isabella verschiedene Daten markiert hatte. Einige davon fielen mit Khloes ärztlichen Terminen zusammen. Andere lagen in der Woche vor dem errechneten Geburtstermin.
Neben einem Datum stand ein Satz:
Alles muss vorher geregelt sein.
Die Ermittler konnten noch nicht sagen, was genau Isabella geplant hatte. Doch zusammen mit den Nachrichten, den Verträgen und den Videoaufnahmen ergab sich ein beunruhigendes Gesamtbild.
Adrian Bell wurde zwei Tage später an einem Flughafen aufgegriffen, als er versuchte, das Land zu verlassen. Bei der Befragung bestritt er zunächst, Isabella zu kennen. Als ihm jedoch Nachrichten und Überweisungen vorgelegt wurden, verlangte er einen Anwalt.
Die Polizei stellte fest, dass ein Teil der Gelder über Konten geflossen war, die von einer Scheinfirma verwaltet wurden. Ein weiterer Teil war an eine private Beratungsorganisation überwiesen worden, deren Geschäftsführer mit Bell in Verbindung stand.
Die Ermittler vermuteten, dass Isabella und Bell gemeinsam versucht hatten, finanzielle Vorteile aus den Familienregelungen zu ziehen. Ob sie dabei von Anfang an denselben Plan verfolgt hatten oder ob Isabella eigene Ziele verfolgte, musste noch geklärt werden.
Marcus interessierte sich zunächst kaum für die Einzelheiten des Geldes.
Er wollte nur wissen, ob Isabella tatsächlich beabsichtigt hatte, Khloe von ihrem Kind zu trennen.
Die Antwort blieb vorerst ungewiss.
Doch die Beweise zeigten, dass sie entsprechende Möglichkeiten prüfen ließ und dafür falsche Behauptungen über Khloe gesammelt hatte.
Als Marcus seiner Frau davon erzählte, blieb Khloe lange still.
Sie lag inzwischen nicht mehr auf der Intensivstation, musste aber weiterhin im Krankenhaus bleiben. Ihre Bewegungen waren vorsichtig, und die Ärzte achteten auf jedes Anzeichen einer erneuten Komplikation.
„Ich habe immer gedacht, sie wollte nur, dass ich mich schlecht fühle“, sagte Khloe schließlich. „Ich dachte, sie wollte mich aus deinem Leben verdrängen.“
Marcus setzte sich an ihr Bett.
„Es sieht so aus, als hätte sie mehr gewollt.“
Khloe blickte auf ihren Bauch.
„Ich kann nicht verstehen, wie jemand ein ungeborenes Kind als Teil eines Plans betrachten kann.“
Marcus nahm ihre Hand.
„Du musst sie nicht verstehen.“
„Aber ich will wissen, warum.“
Er strich mit dem Daumen über ihre Finger.
„Vielleicht wird es nie eine Antwort geben, die uns zufriedenstellt. Vielleicht wird sie sagen, sie habe sich ungerecht behandelt gefühlt. Vielleicht wird sie behaupten, sie habe uns schützen wollen. Aber egal, was sie sagt, es ändert nichts daran, was sie getan hat.“
Khloe atmete tief durch.
„Ich möchte nicht, dass unser Kind eines Tages in Angst aufwächst.“
„Das wird es nicht.“





