„Das wissen wir noch nicht“, sagte David vorsichtig. „Wir dürfen keine Schlussfolgerungen ziehen, bevor die Beweise vollständig sind.“
Doch seine Stimme verriet, dass auch er die Möglichkeit ernst nahm.
Gegen neun Uhr morgens erhielt Detective Whitmore einen Anruf von der forensischen Abteilung. Die gelöschten Nachrichten auf Isabellas Telefon waren teilweise wiederhergestellt worden. Unter ihnen befand sich ein Gespräch mit einem Kontakt, der lediglich unter dem Namen „A.B.“ gespeichert war.
Die Nachrichten waren kurz, aber beunruhigend.
Die Dokumente müssen vor der Geburt unterschrieben sein.
Khloe wird sich weigern.
Dann musst du sie überzeugen.
Und wenn sie sich nicht überzeugen lässt?
Dann muss sie verstehen, dass sie keine andere Wahl hat.
In einer späteren Nachricht stand:
Nach der Geburt wird es leichter. Die Familie wird aufgeregt sein, und Marcus wird nicht alles kontrollieren können.
Die Ermittler hatten den vollständigen Zusammenhang noch nicht geklärt. Es war möglich, dass die Nachrichten auf einen anderen Plan hindeuteten, doch ihr Inhalt reichte aus, um eine umfassendere Untersuchung einzuleiten.
Als Marcus die Nachrichtenauszüge sah, wurde ihm übel.
„Was für Dokumente?“, fragte er.
Detective Whitmore schüttelte den Kopf.
„Das müssen wir erst feststellen. Wir haben jedoch einen Durchsuchungsbeschluss für die Büroräume von Adrian Bell beantragt.“
David nahm die Brille ab und rieb sich die Augen.
„Wenn Isabella versucht hat, sich in die Erbschaftsregelungen einzumischen, könnte sie ein finanzielles Motiv gehabt haben.“
„Sie hat kein Recht, sich in die Zukunft meines Kindes einzumischen“, sagte Marcus.
„Nein“, erwiderte David. „Das hat sie nicht.“
Khloe lag still im Bett. Ihre Augen waren auf die Decke gerichtet.
„Marcus?“
Er wandte sich sofort zu ihr.
„Ja?“
„Ich erinnere mich an etwas.“
Er setzte sich neben sie.
„Was denn?“
„Vor einigen Wochen kam ein Umschlag für dich nach Hause. Isabella hatte ihn mitgebracht und gesagt, du hättest ihn bei ihr vergessen. Ich habe ihn auf deinen Schreibtisch gelegt.“
Marcus dachte nach.
„Ich erinnere mich nicht daran.“
„Vielleicht liegt er noch dort.“
David hob den Kopf.
„Was stand auf dem Umschlag?“
Khloe schloss die Augen, als würde sie sich an das Bild erinnern.
„Ein Firmenlogo. Ein schwarzer Kreis mit einem silbernen Strich. Und darunter stand irgendetwas mit Vermögensplanung.“
David und Marcus wechselten einen Blick.
„Adrian Bells Firma verwendet ein ähnliches Logo“, sagte David.
Detective Whitmore notierte die Information.
„Wir werden das überprüfen.“
Marcus wollte sofort nach Hause fahren, doch Khloe bat ihn zu bleiben. Er rief deshalb seinen persönlichen Assistenten an und bat ihn, den Schreibtisch nicht anzurühren, bis die Ermittler dort gewesen waren.
Die Stunden vergingen quälend langsam.
Am Nachmittag meldeten die Ärzte eine leichte Verbesserung von Khloes Zustand. Sie durfte wieder etwas Wasser trinken und einige Minuten mit Marcus sprechen, ohne dass sie sich anschließend ausruhen musste.
Doch die Erleichterung hielt nicht lange an.
Kurz nach vier Uhr erschien eine Krankenschwester an der Tür und teilte Marcus mit, dass eine Frau namens Victoria Ross ihn dringend sprechen wolle.
Marcus kannte den Namen nicht.
„Wer ist sie?“
„Sie sagt, sie sei eine ehemalige Assistentin von Frau Rossi. Sie behauptet, wichtige Informationen über den Vorfall zu besitzen.“
David, der gerade aus dem Flur zurückkam, wurde aufmerksam.
„Hat sie einen Termin?“
„Nein. Sie ist ohne Anmeldung gekommen.“
Marcus blickte zu Detective Whitmore, die sich noch im Krankenhaus befand. Die Ermittlerin bat darum, die Frau in einen Besprechungsraum zu bringen, wo sie zunächst ihre Identität überprüfen konnte.
Victoria Ross war eine schlanke Frau Anfang dreißig. Sie trug einen dunklen Mantel und hielt eine kleine Ledertasche fest an sich gedrückt. Ihre Hände zitterten, als sie sich setzte.
„Ich weiß, dass Isabella heute Morgen festgehalten wurde“, begann sie. „Ich weiß auch, dass Sie die Aufnahmen haben.“
Detective Whitmore blieb ruhig.
„Woher wissen Sie das?“
Victoria blickte zu Boden.
„Weil Isabella mich gestern Abend angerufen hat. Sie sagte, etwas sei schiefgegangen und ich solle alle Unterlagen vernichten, die ich noch hätte.“
„Welche Unterlagen?“
Victoria öffnete ihre Tasche und zog einen Umschlag heraus.
„Kopien von Verträgen, E-Mails und Zahlungsnachweisen.“
Marcus, der neben David saß, beugte sich vor.
„Was haben diese Unterlagen mit meiner Frau zu tun?“
Victoria schluckte.
„Isabella hat mich vor einem Jahr eingestellt. Zunächst sollte ich ihre Termine koordinieren und die Korrespondenz mit verschiedenen Stiftungen erledigen. Später bat sie mich, Informationen über die Sterling-Familie zusammenzustellen. Sie sagte, es gehe um eine langfristige Nachlassplanung.“
„Und das haben Sie getan?“, fragte David.
„Am Anfang ja. Ich dachte, es sei eine normale Aufgabe. Dann sollte ich Unterlagen beschaffen, zu denen sie keinen offiziellen Zugang hatte. Ich wurde angewiesen, nach alten Testamenten, Vollmachten und Dokumenten über mögliche Erben zu suchen.“
Marcus spürte, wie sich seine Hände zu Fäusten ballten.
„Warum haben Sie nicht früher etwas gesagt?“
Victoria hob den Kopf. Ihre Augen waren feucht.





