„Herr Thorne, wir müssen jetzt schnell handeln. Ihre Frau hat möglicherweise eine schwere Verletzung erlitten. Wir müssen herausfinden, ob die Plazenta betroffen ist und ob es Anzeichen für eine vorzeitige Ablösung gibt.“
Marcus verstand jedes einzelne Wort. Er hatte sich während Khloes Schwangerschaft mit allen möglichen medizinischen Informationen beschäftigt, hatte die Namen ihrer Medikamente gelernt und jede Untersuchung begleitet, die sein Terminkalender zuließ. Doch jetzt erschienen ihm die medizinischen Begriffe wie eine Sprache, die er nicht beherrschte.
„Was bedeutet das für mein Kind?“
Der Arzt sah ihn kurz an.
„Das kann ich Ihnen noch nicht sagen. Wir müssen zuerst die Untersuchung abschließen.“
Die Türen zur geburtshilflichen Notaufnahme öffneten sich. Eine Krankenschwester trat vor und bedeutete Marcus, stehen zu bleiben.
„Ab hier müssen wir Sie bitten, draußen zu warten.“
„Ich gehe mit ihr.“
„Marcus“, sagte Khloe plötzlich.
Er beugte sich sofort zu ihr hinunter.
Ihre Finger schlossen sich um seine Hand. Obwohl sie kaum Kraft hatte, hielt sie ihn mit einer Entschlossenheit fest, die ihn erschütterte.
„Lass sie nicht damit durchkommen.“
Für einen Augenblick verstand er nicht, wen sie meinte. Dann sah er die Angst in ihrem Gesicht. Nicht nur die Angst vor der Verletzung. Nicht nur die Sorge um ihr ungeborenes Kind.
Khloe hatte Angst vor Isabella.
„Das werde ich nicht“, versprach er.
„Sie wird sagen, dass ich angefangen habe.“
„Ich weiß.“
„Sie wird alles verdrehen.“
Marcus strich ihr eine blonde Haarsträhne aus der Stirn.
„Dann werde ich dafür sorgen, dass die Wahrheit gehört wird.“
Khloe schloss kurz die Augen. Die Krankenschwestern schoben die Trage weiter, und als die Türen hinter ihnen zuglitten, blieb Marcus allein im Flur zurück.
Er starrte auf seine leere Hand.
Auf der Haut waren noch die Spuren von Khloes Fingern zu sehen.
Zum ersten Mal in seinem Leben fühlte er sich vollkommen machtlos.
Einige Minuten später kam David Sterling aus dem Aufzug. Er ging schnell, doch sein Gesicht verriet eine Kälte, die Marcus noch nie an ihm erlebt hatte.
„Wie geht es ihr?“
„Sie untersuchen sie noch.“
David legte ihm eine Hand auf die Schulter.
„Die besten Spezialisten sind bereits auf dem Weg. Wir werden alles tun.“
Marcus nickte, ohne den Blick von den geschlossenen Türen zu lösen.
„Was passiert jetzt mit Isabella?“
„Sie bleibt im Gebäude, bis die Sicherheitsabteilung die Aufnahmen gesichert hat. Ich habe außerdem die Polizei verständigt.“
„Gut.“
David betrachtete seinen Neffen aufmerksam. „Marcus, ich muss dich etwas fragen. Gab es in den vergangenen Wochen irgendwelche Auseinandersetzungen zwischen Khloe und Isabella? Irgendetwas, das du für unwichtig gehalten hast?“
Marcus fuhr sich mit beiden Händen durchs Haar.
„Isabella hat sich seit unserer Verlobung immer wieder in unsere Angelegenheiten eingemischt. Sie behauptete, sie wolle nur helfen. Sie machte Bemerkungen über Khloes Kleidung, darüber, wie sie das Haus führte, darüber, dass sie nach der Geburt des Babys vermutlich nicht mehr so viel Zeit für mich haben würde.“
„Und Khloe hat dir davon erzählt?“
„Ja. Aber ich dachte, Isabella sei einfach eifersüchtig. Ich habe sie gebeten, sich zurückzuhalten.“
David schwieg einen Moment.
„Und du hast ihr geglaubt, als sie sagte, Khloe übertreibe?“
Marcus senkte den Kopf.
Diese Frage traf ihn härter als jede Anschuldigung.
„Manchmal“, gab er zu. „Ich wollte nicht glauben, dass jemand, der seit Jahren zu unserer Familie gehört, Khloe absichtlich verletzen könnte.“
„Das ist kein Verbrechen, Marcus. Aber es kann ein Fehler sein, wenn man Warnzeichen ignoriert.“
Marcus sah ihn an.
„Du wusstest etwas.“
Es war keine Frage.
David blickte zum Ende des Flurs, wo zwei Sicherheitsmitarbeiter gerade eine Tür kontrollierten.
„Ich wusste, dass Isabella in den letzten Monaten ungewöhnlich häufig in den Verwaltungsbereich unseres Krankenhauses gekommen ist. Ich hielt es für eine geschäftliche Angelegenheit. Sie sagte, sie wolle sich über die Stiftung informieren.“
„Welche Stiftung?“
David antwortete nicht sofort.
Dann zog er sein Handy hervor.
„Das werden wir herausfinden.“
Währenddessen saß Isabella in einem kleinen, fensterlosen Sicherheitsraum im Erdgeschoss. Zwei Mitarbeiter standen vor der Tür. Ihre Abendgarderobe war noch makellos, doch die Ruhe, die sie zu Beginn des Abends ausgestrahlt hatte, war verschwunden.
Sie saß auf einem Stuhl, die Beine übereinandergeschlagen, und hielt ihre Handtasche so fest, dass ihre Knöchel weiß wurden.
„Ich möchte meinen Anwalt anrufen“, sagte sie.
Der Sicherheitschef, ein breitschultriger Mann namens Robert Hayes, blieb vor ihr stehen.
„Das können Sie selbstverständlich tun. Bis zum Eintreffen der Polizei werden Sie jedoch hierbleiben.“
„Sie können mich nicht einfach festhalten!“
„Wir verhindern, dass Sie den Ort verlassen, bevor die zuständigen Behörden den Vorfall aufgenommen haben. Sie sind nicht festgenommen worden.“
Isabella lachte kurz und schrill.
„Das ist lächerlich. Ich bin diejenige, die angegriffen wurde.“
Robert Hayes reagierte nicht.
„Dann wird die Videoaufzeichnung das klären.“
Ihre Lippen pressten sich zusammen.
„Ich habe nichts getan.“
„Das werden die Ermittler beurteilen.“





