Er nahm ihre Hand.

„Das war falsch. Es tut mir leid.“

Khloe sah ihn lange an.

„Ich wollte nicht, dass du sie hasst.“

„Ich muss sie nicht hassen, um zu erkennen, was sie getan hat.“

Ein schwaches, erschöpftes Lächeln erschien auf ihrem Gesicht.

„Das klingt nach dir.“

Marcus küsste ihre Stirn.

„Und du musst dich nicht mehr fürchten, dass ich dich wegen ihr anzweifle.“

Khloe schloss die Augen, und zum ersten Mal seit Stunden schien sich ihre Atmung etwas zu beruhigen.

„Ich habe Angst, Marcus.“

„Ich auch.“

Sie öffnete überrascht die Augen.

„Du?“

Er lächelte traurig.

„Ich habe Angst um dich. Ich habe Angst um unser Baby. Und ich habe Angst, dass ich so sehr damit beschäftigt war, alle Probleme der Welt zu lösen, dass ich nicht gesehen habe, was direkt vor mir passiert.“

Khloe drückte seine Hand.

„Du bist jetzt hier.“

„Und ich werde bleiben.“

In dieser Nacht verließ Marcus das Krankenhaus nicht. Er saß neben Khloes Bett, während David im Flur mit den Ermittlern sprach und die Sicherheitsabteilung alle relevanten Daten sicherte.

Kurz nach Mitternacht meldete sich Detective Whitmore erneut.

„Wir haben die Originalaufnahmen aus der Suite gesichert“, erklärte sie. „Zusätzlich haben wir Aufzeichnungen gefunden, auf denen Frau Rossi vor dem Vorfall mit einer Person telefoniert. Die Identität des Gesprächspartners ist noch nicht bestätigt.“

Marcus stand auf.

„Wissen Sie, worüber sie gesprochen hat?“

„Der Ton ist in diesem Bereich nicht vollständig verständlich. Wir konnten allerdings feststellen, dass das Gespräch unmittelbar vor ihrer Rückkehr in die Suite stattfand. Außerdem hat sie kurz nach dem Vorfall versucht, mehrere Nachrichten zu löschen.“

„Können Sie sie wiederherstellen?“

„Unsere Spezialisten prüfen das.“

Marcus ging zum Fenster. Draußen lag die Stadt unter einem Schleier aus Regen. Die Lichter der Hochhäuser spiegelten sich auf den nassen Straßen, und die Welt schien vollkommen unberührt von dem Albtraum, der seine Familie erfasst hatte.

„Detective“, sagte er schließlich, „ich möchte, dass Sie wissen, dass ich keinerlei Einfluss auf die Ermittlungen nehmen werde. Aber ich werde alle Informationen zur Verfügung stellen, die Ihnen helfen können.“

„Das ist gut. Versuchen Sie außerdem, keine privaten Nachrichten oder Dokumente zu löschen. Selbst scheinbar unwichtige Informationen könnten relevant sein.“

Nachdem das Gespräch beendet war, setzte Marcus sich wieder zu Khloe.

Er nahm sein eigenes Handy heraus und öffnete den Verlauf seiner Nachrichten mit Isabella.

Es dauerte nicht lange, bis er etwas bemerkte, das ihm zuvor nie aufgefallen war.

In den vergangenen Monaten hatte Isabella ihn immer wieder gefragt, wann Khloe ihre nächste Untersuchung hatte. Sie hatte sich nach der voraussichtlichen Geburt erkundigt, nach den Plänen für das Kinderzimmer und danach, ob Marcus bereits einen Vormund für das Baby bestimmt habe, falls ihm oder Khloe etwas zustoßen sollte.

Damals hatte er diese Fragen als übertriebene Fürsorge betrachtet.

Jetzt wirkten sie wie Teile eines Puzzles.

Er machte Screenshots und leitete sie an Detective Whitmore weiter.

Dann stieß er auf eine Nachricht, die Isabella ihm vor sechs Wochen geschickt hatte.

Manchmal ist es besser, wichtige Familienentscheidungen zu treffen, bevor ein Kind auf die Welt kommt. Danach wird alles komplizierter.

Marcus hatte mit einem scherzhaften Smiley geantwortet und gefragt, ob sie ihm jetzt schon Erziehungstipps geben wolle.

Isabella hatte geschrieben:

Du wirst verstehen, was ich meine.

Er legte das Handy auf den Tisch.

Was hatte sie gemeint?

Am frühen Morgen kam Dr. Caldwell zurück. Khloes Zustand war weiterhin stabil, und die Untersuchung hatte ergeben, dass das Baby noch Lebenszeichen zeigte. Die Gefahr war jedoch nicht vollständig gebannt.

„Wir werden sie weiter überwachen“, erklärte der Arzt. „Die nächsten vierundzwanzig Stunden sind besonders wichtig.“

Marcus nickte dankbar.

Als der Arzt gegangen war, trat David in das Zimmer. Er sah erschöpft aus, doch in seinen Händen hielt er eine dünne Mappe.

„Wir haben etwas gefunden.“

Marcus stand auf.

„Was?“

David legte die Mappe auf den Tisch.

„Adrian Bell ist kein gewöhnlicher Finanzberater. Seine Firma wurde vor drei Jahren gegründet. Die Geschäftsadresse führt zu einem Büro, das von mehreren Unternehmen genutzt wird. Eines dieser Unternehmen hat vor Kurzem einen Vertrag mit einer privaten Betreuungseinrichtung abgeschlossen.“

Khloe öffnete die Augen.

„Welche Einrichtung?“

David sah sie an.

„Das müssen wir noch bestätigen. Der Vertrag betrifft die Vermittlung von Pflege- und Betreuungsdiensten für Familien, die angeblich besondere Unterstützung benötigen.“

Khloe wurde blass.

„Isabella hat von einer solchen Einrichtung gesprochen.“

Marcus trat näher an das Bett.

„Du erinnerst dich an den Namen?“

„Nein. Aber sie sagte, dort würden Kinder aus schwierigen Familienverhältnissen untergebracht. Sie meinte, dass es manchmal besser sei, wenn ein Kind nicht bei seinen Eltern aufwachse.“

David sah Marcus ernst an.

„Wir müssen herausfinden, ob sie versucht hat, das Baby nach der Geburt von Khloe zu trennen.“

Marcus spürte, wie ihm der Magen schwer wurde.

„Das würde bedeuten, dass sie …“

Er konnte den Satz nicht beenden.

Khloe nahm seine Hand.

„Sie wollte nicht nur mich einschüchtern. Sie wollte, dass ich verschwinde.“