„Wir haben ein Problem“, sagte der Anwalt.
Evelyn sah nicht auf.
„Dann lösen Sie es.“
„Jax hat eine Anwältin eingeschaltet. Sie beantragt eine gerichtliche Überprüfung von Hawthorne House.“
Jetzt hob Evelyn den Blick.
„Wer hat ihm die Adresse gegeben?“
„Das wissen wir noch nicht.“
„Finden Sie es heraus.“
„Es gibt noch etwas. Zwei Männer unserer Sicherheitsfirma haben versucht, Lily zurückzuholen. Sie sind gescheitert.“
Evelyns Gesicht wurde blass vor Zorn.
„Dummköpfe.“
„Die Anwältin hat die Vorfälle dokumentiert. Wenn die Polizei die Männer befragt, könnten sie aussagen.“
Evelyn stand auf und ging zum Fenster.
Draußen lag der Garten in goldenem Abendlicht. Die Wege waren sauber, die Hecken perfekt geschnitten, und die Rosen standen in voller Blüte. Alles sah aus, wie es aussehen sollte.
Doch die Ordnung, auf der Evelyn ihr Leben aufgebaut hatte, begann zu bröckeln.
„Wir müssen Claire verlegen“, sagte sie.
Der Anwalt zögerte.
„Das wäre riskant. Wenn die Behörden bereits eine Untersuchung eingeleitet haben, könnte eine Verlegung als Beweis für eine rechtswidrige Unterbringung gewertet werden.“
Evelyn drehte sich langsam um.
„Ich habe Sie nicht gefragt, ob es riskant ist. Ich habe Ihnen gesagt, was geschehen muss.“
„Wenn wir das tun, könnte es schlimmer werden.“
„Es wird schlimmer werden, wenn Jax sie findet.“
Sie ging zurück zum Schreibtisch und öffnete eine Schublade. Darin lag ein kleiner Schlüsselbund. Sie wählte einen Schlüssel aus und legte ihn vor den Anwalt.
„Fahren Sie zum Gästehaus. Nehmen Sie die Unterlagen aus dem Safe. Alles, was Claire dort versteckt haben könnte. Danach sorgen Sie dafür, dass sie an einen anderen Ort gebracht wird.“
Der Anwalt starrte auf den Schlüssel.
„Evelyn, ich bin Ihr Anwalt. Ich kann nicht—“
„Sie können sehr viel, wenn Sie sich daran erinnern, wer Ihre Rechnungen bezahlt.“
Er schwieg.
Evelyn lächelte.
„Gut. Dann verstehen wir uns.“
Als der Anwalt gegangen war, setzte sie sich wieder an den Schreibtisch. Sie nahm ein altes Foto aus einer Schublade. Darauf standen Jax und Claire am Tag ihrer Hochzeit. Beide lächelten. Jax hatte den Arm um seine Frau gelegt, und Claire hielt einen kleinen Blumenstrauß.
Evelyn betrachtete das Bild lange.
Sie hatte Claire nie gehasst, weil sie eine schlechte Frau war. Sie hatte sie gehasst, weil Claire Jax etwas gegeben hatte, das Evelyn ihm niemals hatte geben können: das Gefühl, dass er geliebt wurde, ohne dafür etwas leisten zu müssen.
Claire hatte ihm erlaubt, Fehler zu machen. Sie hatte ihn ermutigt, eigene Entscheidungen zu treffen. Sie hatte ihm gezeigt, dass er nicht das Vermögen der Familie brauchte, um ein wertvoller Mensch zu sein.
Für Evelyn war das gefährlicher gewesen als jeder Geschäftskonkurrent.
Sie legte das Foto zurück in die Schublade und schloss sie ab.
„Du hättest dich heraushalten sollen“, flüsterte sie.
Doch zum ersten Mal seit vielen Jahren hörte sie in ihrer eigenen Stimme einen Hauch von Unsicherheit.
Am nächsten Morgen traf Rebecca die zuständige Richterin. Der Antrag wurde nicht sofort vollständig bewilligt, doch die Richterin ordnete eine unabhängige Prüfung der Unterlagen von Hawthorne House an und verlangte, dass Claire Vance, sofern sie dort untergebracht war, persönlich und ohne Anwesenheit ihrer Familie befragt werden sollte.
Es war kein endgültiger Sieg.
Aber es war der erste offizielle Riss in Evelyns Mauer.
Rebecca informierte Jax noch am Vormittag.
„Wir haben eine Anordnung. Ein unabhängiger Prüfer wird heute Nachmittag in die Einrichtung gehen. Wenn Claire dort ist, muss sie die Möglichkeit bekommen, frei zu sprechen.“
Jax schloss die Augen.
„Kann ich mitgehen?“
„Nicht sofort. Sie müssen verstehen, dass Claire möglicherweise traumatisiert ist. Wir wissen nicht, was man ihr erzählt hat oder in welchem Zustand sie sich befindet. Wir müssen ihr die Möglichkeit geben, selbst zu entscheiden, ob sie Sie sehen möchte.“
Jax schluckte.
„Ich will sie nur wissen lassen, dass ich da bin.“
„Das werden wir ihr sagen.“
Die Stunden bis zum Nachmittag zogen sich endlos hin. Jax ging im Wohnzimmer des Bauernhofs auf und ab. Marcus versuchte, ihn abzulenken, doch Jax konnte sich auf nichts konzentrieren. Immer wieder sah er Claire vor sich, wie sie lachte, wie sie mit Lily auf dem Boden spielte, wie sie ihm beim Kochen heimlich einen Löffel Soße aus dem Topf reichte.
Dann erinnerte er sich an die letzten Wochen vor ihrem Verschwinden.
Claire war stiller gewesen. Sie hatte nachts lange am Computer gesessen und mehrere Male das Gespräch abgebrochen, wenn Jax den Raum betreten hatte. Er hatte geglaubt, sie sei wegen der Arbeit gestresst. Er hatte nicht erkannt, wie sehr sie sich fürchtete.
Am Nachmittag rief Rebecca an.
„Sie ist dort.“
Jax blieb stehen.
„Claire?“
„Ja. Sie ist dort, und sie hat mit dem Prüfer gesprochen.“
Er konnte kaum atmen.
„Was hat sie gesagt?“
„Sie hat bestätigt, dass sie nicht freiwillig untergebracht wurde. Sie hat erklärt, dass die Unterschriften gefälscht wurden und dass man ihr wiederholt gesagt hat, sie sei psychisch krank, wenn sie sich weigere, den Kontakt zu Ihnen abzubrechen.“





