„Was ist mit meiner Frau geschehen?“

Am anderen Ende hörte Jax ein schweres Atmen.

„Sie lebt.“

Die Worte trafen ihn mit einer solchen Wucht, dass er für einige Sekunden nicht sprechen konnte.

„Wo ist sie?“

„Das kann ich Ihnen nicht am Telefon sagen.“

„Dann treffen Sie mich.“

„Heute Abend. Um neun. In der alten Kirche an der Route 9, außerhalb von Millbrook. Kommen Sie allein.“

„Ich werde nicht allein kommen.“

„Dann bringen Sie jemanden mit, dem Sie vertrauen. Aber kommen Sie nicht mit der Polizei. Nicht, bevor Sie wissen, wem Sie vertrauen können.“

Die Verbindung brach ab.

Jax starrte auf das Telefon.

Claire lebte.

Die Worte hallten in seinem Kopf wider. Er hatte sich so oft vorgestellt, wie er eines Tages vor einer Tür stehen würde und sie würde öffnen. Er hatte sich ausgemalt, wie sie ihn ansehen, wie sie weinen, wie sie ihn vielleicht sogar dafür schlagen würde, dass er so lange gebraucht hatte.

Er hatte nie gewagt, sich vorzustellen, dass sie tatsächlich noch am Leben sein könnte.

„Papa?“

Lily berührte vorsichtig seinen Arm.

Jax drehte sich zu ihr.

„Ja, mein Schatz?“

„War das jemand, der Mama kennt?“

Er schluckte.

„Ja.“

„Ist Mama wirklich noch da?“

Jax sah seine Tochter an. Er wollte ihr versprechen, dass alles gut werden würde. Er wollte ihr sagen, dass ihre Mutter bald zurückkehren würde und dass niemand sie jemals wieder verletzen könnte.

Doch er hatte gelernt, dass Versprechen ohne Wahrheit nur weitere Ketten waren.

„Ich weiß es noch nicht genau“, sagte er. „Aber ich werde es herausfinden.“

Lily nickte langsam. Dann lehnte sie den Kopf gegen die Kopfstütze.

„Großmutter hat gesagt, Mama sei böse, weil sie uns verlassen hat.“

Jax schloss für einen Moment die Augen.

„Deine Mutter ist nicht böse.“

„Woher weißt du das?“

„Weil ich sie kenne.“

Lily sah aus dem Fenster.

„Dann bring sie zurück.“

Jax startete den Motor erneut.

„Das werde ich.“

Er fuhr nicht zu seinem Haus. Thomas hatte recht gehabt: Wenn Evelyn bereits die Polizei eingeschaltet hatte, wäre jede Bewegung vorhersehbar gewesen. Stattdessen steuerte Jax einen kleinen, abgelegenen Bauernhof an, der einem ehemaligen Kollegen gehörte. Dort konnte er Lily unterbringen, während er herausfand, was wirklich geschehen war.

Der Mann, der ihm die Tür öffnete, hieß Marcus Hale. Er war Mitte fünfzig, hatte breite Schultern, graues Haar und die ruhige Stimme eines Menschen, der in seinem Leben mehr gesehen hatte, als er erzählen wollte.

Als er Lily sah, veränderte sich sein Gesicht.

„Was ist passiert?“

Jax erklärte es ihm in wenigen Sätzen. Er erzählte von Evelyn, vom Hof, vom Brot und von dem Anruf. Er erwähnte Claire erst ganz am Ende.

Marcus schwieg lange.

„Wenn deine Mutter dahintersteckt, dann wird sie nicht aufgeben“, sagte er schließlich.

„Das weiß ich.“

„Und wenn Claire tatsächlich lebt, dann müssen wir vorsichtig sein.“

„Ich werde sie finden.“

Marcus sah zu Lily, die inzwischen auf dem Sofa saß und eine Tasse warme Milch mit beiden Händen hielt.

„Dann sorge zuerst dafür, dass deine Tochter in Sicherheit ist.“

Jax nickte.

Er kniete sich vor Lily hin und nahm ihre Hände.

„Ich muss für eine Weile weg, mein Schatz. Marcus bleibt bei dir. Er wird dich beschützen.“

Lily wurde sofort blass.

„Nein. Bitte, Papa. Geh nicht.“

„Ich muss etwas erledigen.“

„Du gehst wieder weg.“

Jax spürte, wie ihm das Herz brach.

„Ich komme zurück.“

„Das hast du schon einmal gesagt.“

Er hatte keine Antwort darauf.

Er zog Lily in seine Arme und hielt sie lange fest. Dann küsste er ihre Stirn und stand auf.

„Ich werde dich nicht noch einmal allein lassen“, flüsterte er.

Als er den Bauernhof verließ, war der Himmel bereits dunkler geworden. Die Luft hatte sich abgekühlt, und der Wind trug den Geruch von feuchter Erde über die Felder. Jax fuhr zur alten Kirche an der Route 9, während in seinem Kopf die Bilder des Nachmittags kreisten.

Lily im Schmutz.

Evelyns kalte Augen.

Der Name Claire.

Die Worte: Sie lebt.

Die Kirche stand am Rand einer verlassenen Landstraße, umgeben von hohen Bäumen und überwucherten Gräbern. Ein Teil des Dachs war beschädigt, die Fenster waren mit Brettern vernagelt, und die schwere Holztür hing schief in den Angeln.

Jax parkte außerhalb des Geländes und ging zu Fuß weiter.

Er hatte eine Taschenlampe in der Jackentasche und ein Messer am Gürtel. Er hoffte, dass er beides nicht brauchen würde.

„Thomas?“

Seine Stimme hallte durch die leere Kirche.

Ein Geräusch kam aus dem hinteren Teil des Gebäudes. Dann trat ein Mann aus dem Schatten.

Thomas Reed war ungefähr sechzig Jahre alt, schmal gebaut und blass. Er trug eine dunkle Jacke und hielt einen kleinen Umschlag in der Hand. Seine Augen waren gerötet, als hätte er seit Tagen nicht geschlafen.

„Sie sind gekommen.“

„Sie haben gesagt, meine Frau lebt.“

Thomas nickte.

„Ich habe sie vor sechs Monaten zuletzt gesehen.“

Jax machte einen Schritt auf ihn zu.

„Wo?“