„Und sie will verhindern, dass Sie Claire finden.“
Als sie den Bauernhof erreichten, stand Marcus vor der Tür. Er hatte eine alte Schrotflinte in der Hand, hielt sie aber mit dem Lauf nach unten. Als er Jax sah, legte er sie sofort ab.
Lily saß im Wohnzimmer und hielt den Stoffhasen fest an sich gedrückt. Sie sprang auf, als ihr Vater eintrat.
„Papa!“
Jax nahm sie in die Arme.
„Alles gut. Ich bin da.“
„Die Männer haben gesagt, ich muss zurück zu Großmutter.“
„Du musst gar nichts.“
Lily zitterte.
„Sie haben gesagt, du bist böse.“
Jax schloss die Augen.
„Nein, mein Schatz. Das bin ich nicht.“
Rebecca ging in die Hocke, damit sie auf Augenhöhe mit Lily war.
„Ich heiße Rebecca. Ich helfe deinem Papa, damit niemand dich wieder zu etwas zwingen kann.“
Lily sah sie misstrauisch an.
„Kann Großmutter mich holen?“
Rebecca antwortete ehrlich.
„Sie kann es versuchen. Aber wir werden alles tun, damit du sicher bleibst.“
Lily blickte zu Jax.
„Ich will nicht zurück.“
„Du musst nicht zurück“, sagte er.
Sie klammerte sich wieder an ihn.
In den nächsten Stunden arbeiteten sie fieberhaft. Rebecca bereitete die Unterlagen für einen Eilantrag vor. Marcus kontaktierte zwei ehemalige Kollegen, die bereit waren, als Zeugen auszusagen. Jax durchsuchte seine alten E-Mails und fand schließlich eine Nachricht von Claire, die sie ihm sieben Monate vor ihrem Verschwinden geschickt hatte.
Der Betreff lautete: Wenn mir etwas passiert.
Er öffnete die Nachricht mit zitternden Fingern.
„Jax, ich glaube, ich habe etwas gefunden, das Evelyn nicht verbergen kann. Es geht um die Stiftung und um Grundstücke, die offiziell nie verkauft wurden. Ich habe Kopien angefertigt. Ich weiß nicht, wem ich trauen kann. Wenn ich plötzlich verschwinde oder man dir erzählt, ich hätte dich verlassen, glaube bitte nicht daran. Ich liebe dich. Ich liebe Lily. Und ich werde niemals freiwillig von euch weggehen.“
Jax las die Worte zweimal. Dann ein drittes Mal.
Die Nachricht war sieben Monate alt. Claire hatte ihm damals keine weiteren Einzelheiten geschrieben. Er erinnerte sich, dass er die E-Mail erst Tage später gelesen hatte, weil er auf einer Geschäftsreise gewesen war. Als er sie beantworten wollte, war Claire bereits verschwunden.
Er hatte sich selbst dafür gehasst, dass er ihre Angst nicht ernst genug genommen hatte.
Jetzt wusste er, dass sie ihm eine Warnung hinterlassen hatte.
„Wir brauchen die Originaldaten dieser E-Mail“, sagte Rebecca. „Und wir brauchen Zugriff auf die Unterlagen, von denen sie spricht.“
„Ich weiß nicht, wo sie sind.“
Jax dachte an Lily.
Das Mädchen hatte gesagt, Evelyn telefoniere nachts im Arbeitszimmer. Sie hatte gesagt, ihre Großmutter spreche davon, dass Claire nicht zurückkommen dürfe. Vielleicht hatte Lily mehr gesehen, als sie verstand.
Er setzte sich neben seine Tochter.
„Lily, ich muss dich etwas fragen. Du musst nicht antworten, wenn du Angst hast.“
Sie sah ihn an.
„Okay.“
„Hast du jemals gesehen, dass Großmutter etwas von Mama versteckt hat? Irgendwelche Papiere, Briefe oder Fotos?“
Lily dachte lange nach.
„Einmal war ich im Arbeitszimmer.“
Jax spürte, wie sein Herz schneller schlug.
„Wann war das?“
„Vor ein paar Wochen. Ich wollte ein Buch holen. Großmutter war nicht da. Auf ihrem Schreibtisch lag eine kleine Schachtel.“
„Was war darin?“
„Ein Armband. Mamas Armband.“
Jax wurde still.
Claire hatte ein silbernes Armband getragen, seit sie und Jax sich kennengelernt hatten. Es war ein schlichtes Stück mit einem kleinen Anhänger in Form eines Sterns. Jax hatte es ihr zum ersten Hochzeitstag geschenkt.
„Bist du sicher?“
Lily nickte.
„Ich habe es erkannt. Daneben lag ein Umschlag mit Mamas Namen.“
Rebecca beugte sich vor.
„Hast du den Umschlag geöffnet?“
„Nein. Großmutter kam zurück und wurde sehr wütend. Sie sagte, ich dürfe nie wieder in das Arbeitszimmer gehen.“
Jax sah Rebecca an.
„Dort könnte etwas sein.“
„Dann brauchen wir eine rechtmäßige Möglichkeit, es zu sichern.“
„Ich werde nicht warten, bis sie es verschwinden lässt.“
Rebecca hob warnend die Hand.
„Wenn Sie eigenmächtig in das Haus eindringen, kann sie das gegen Sie verwenden. Wir haben jetzt eine Spur, aber wir brauchen eine gerichtliche Anordnung.“
Jax wollte widersprechen, doch er wusste, dass sie recht hatte.
Er hatte sein ganzes Leben gegen Evelyns Kontrolle gekämpft. Wenn er jetzt denselben Fehler machte wie sie und glaubte, dass das Ziel jedes Mittel rechtfertigte, würde er am Ende nichts anderes sein als die Person, die er verachtete.
„Dann besorgen Sie die Anordnung“, sagte er.
Rebecca nickte.
„Ich werde alles daransetzen.“
Am selben Nachmittag wurde der Eilantrag eingereicht. Die Beweise waren noch nicht vollständig, doch die Kombination aus der Fotografie, dem medizinischen Bericht, der Zeugenaussage von Thomas und der Nachricht von Claire reichte aus, um eine offizielle Untersuchung anzustoßen.
Evelyn erfuhr davon noch vor Sonnenuntergang.
Sie saß in ihrem Arbeitszimmer, als ihr Anwalt eintrat. Das Zimmer war mit dunklem Holz verkleidet, die Bücherregale reichten bis zur Decke, und hinter dem Schreibtisch hing ein großes Porträt ihres verstorbenen Mannes. Auf dem Tisch lagen sorgfältig sortierte Dokumente, ein silberner Brieföffner und ein Telefon.





