„Im alten Gästehaus hinter dem nördlichen Waldstück. Es wurde früher für Besucher benutzt, die länger bleiben sollten. Seit Jahren ist es offiziell unbewohnt.“

„Warum war sie dort?“

Thomas sah zu Boden.

„Weil Ihre Mutter nicht wollte, dass sie weggeht.“

Jax’ Atem stockte.

„Hat Evelyn sie entführt?“

„Ich weiß nicht, ob das rechtlich so genannt werden kann. Aber Claire wurde nicht freiwillig dort festgehalten.“

„Warum haben Sie nichts getan?“

Thomas zuckte zusammen, als hätte Jax ihn geschlagen.

„Weil ich Angst hatte.“

„Angst?“

„Sie hat mich bedroht. Sie hat meiner Tochter gedroht. Sie wusste, wo sie zur Schule ging, wo sie arbeitete, mit wem sie sich traf. Sie sagte, wenn ich mich einmische, würde meine Familie alles verlieren.“

Jax ballte die Hände.

„Und jetzt?“

Thomas hob den Umschlag.

„Jetzt ist meine Tochter erwachsen. Sie hat mich heute Morgen angerufen und gesagt, dass sie nicht länger zusehen will, wie ich mich selbst hasse. Ich habe beschlossen, dass ich nicht noch einen Tag schweigen kann.“

Er reichte Jax den Umschlag.

Darin befanden sich mehrere Fotografien, eine handschriftliche Notiz und eine Kopie eines medizinischen Berichts.

Jax betrachtete die erste Fotografie.

Claire stand vor einem kleinen Gebäude. Sie trug einen dunklen Mantel und sah direkt in die Kamera. Ihr Gesicht war blasser als früher, und ihre Haare waren kürzer, doch es war eindeutig sie.

Auf der Rückseite stand ein Datum: vor fünf Monaten.

Die zweite Fotografie zeigte das Gebäude aus größerer Entfernung. Die Fenster waren vergittert.

Jax hob den Blick.

„Wo ist das?“

„Das alte Gästehaus. Aber ich glaube nicht, dass sie noch dort ist.“

„Warum?“

Thomas deutete auf den medizinischen Bericht.

„Weil Ihre Mutter sie verlegen ließ.“

Jax las die erste Zeile. Der Bericht stammte von einer privaten Klinik, die auf psychische Krisen spezialisiert war. Claire war dort unter einem falschen Namen aufgenommen worden. Die Diagnose lautete auf schwere emotionale Instabilität. Als verantwortliche Angehörige war Evelyn Vance eingetragen.

„Das ist eine Lüge“, sagte Jax.

„Ja.“

„Meine Frau war nicht psychisch krank.“

„Das weiß ich.“

Jax blätterte weiter. Auf einem der Dokumente stand, dass Claire freiwillig eingewilligt habe, ihre Tochter bei der Familie Vance zu lassen und keinen Kontakt zu ihrem Ehemann aufzunehmen.

Die Unterschrift sah auf den ersten Blick echt aus.

Doch Jax kannte Claires Handschrift. Er hatte jahrelang Briefe von ihr erhalten, Notizen, Einkaufslisten und kleine Botschaften, die sie ihm auf den Badezimmerspiegel geschrieben hatte.

Diese Unterschrift war nicht ihre.

„Sie hat die Dokumente gefälscht.“

Thomas nickte.

„Ich habe gesehen, wie sie einen Arzt dafür bezahlt hat, die Unterlagen zu unterschreiben. Ich habe damals nichts gesagt.“

Jax’ Blick wurde dunkel.

„Wie konnte sie das tun?“

„Weil sie überzeugt ist, dass sie alles darf, solange sie glaubt, die Familie zu schützen.“

Jax steckte die Unterlagen ein.

„Wo ist Claire jetzt?“

Thomas zog eine weitere Karte aus seiner Jackentasche. Darauf war eine Adresse am Rand einer kleinen Stadt im Westen des Bundesstaates vermerkt.

„Eine private Einrichtung. Das Gebäude heißt Hawthorne House. Es ist als Pflegezentrum registriert, aber dort werden auch Menschen untergebracht, deren Familien nicht wollen, dass sie Kontakt zur Außenwelt haben.“

Jax betrachtete die Adresse.

„Ist sie dort?“

„Ich glaube es. Aber ich kann es nicht garantieren.“

„Warum haben Sie mir das nicht früher gesagt?“

Thomas schloss die Augen.

„Weil ich jeden Tag gehofft habe, dass jemand anderes den Mut finden würde, es zu tun.“

Jax steckte die Karte ein.

„Heute haben Sie den Mut gefunden.“

Er wandte sich zum Gehen.

„Warten Sie“, sagte Thomas.

Jax drehte sich um.

„Evelyn weiß, dass Sie zurückgekommen sind. Sie wird versuchen, Sie aufzuhalten. Und wenn sie glaubt, dass Sie Claire finden könnten, wird sie alles tun, um das zu verhindern.“

„Dann soll sie es versuchen.“

„Sie verstehen nicht. Es geht nicht nur um Claire. Es gibt etwas, das Ihre Mutter seit Jahren verbirgt. Etwas, das viel größer ist als die Frage, wer das Familienvermögen erben soll.“

Jax blieb stehen.

„Was meinen Sie?“

Thomas blickte nervös zur Tür.

„Die Familie Vance hat nicht nur Geld verdient. Ein Teil ihres Vermögens stammt aus Geschäften, die nie in den offiziellen Büchern aufgetaucht sind. Landkäufe, gefälschte Übertragungen, Zahlungen an Beamte. Claire hat das herausgefunden.“

Jax sah ihn lange an.

„Meine Frau hat die Unterlagen gefunden?“

„Ja. Sie wollte damit zur Polizei gehen. Evelyn erfuhr davon und behauptete, Claire sei psychisch krank. Danach verschwand sie.“

Jax spürte, wie sich die einzelnen Teile des Puzzles langsam zusammenfügten. Claires Verschwinden, die gefälschten Dokumente, die Isolation, die Lügen über ihre angebliche Untreue. Evelyn hatte nicht nur versucht, ihre Familie zu kontrollieren. Sie hatte versucht, eine Wahrheit zu begraben, die ihr gesamtes Leben zerstören konnte.

„Was für Unterlagen?“

Thomas schüttelte den Kopf.

„Das weiß ich nicht genau. Claire hatte Kopien angefertigt. Sie sagte, sie habe einen Weg gefunden, die Originale mit den Konten zu verbinden. Aber sie hatte Angst, dass Evelyn davon erfahren würde.“

Jax dachte an Lily.