„Papa! Papa!“
Jax schloss die Arme um seine Tochter. Er drückte sie an seine Brust und vergrub das Gesicht in ihrem Haar.
„Ich bin hier“, flüsterte er. „Ich bin hier, mein Schatz. Ich habe dich.“
Lily weinte jetzt ohne Zurückhaltung. Ihr ganzer kleiner Körper bebte. Sie schluchzte gegen seine Schulter, und Jax spürte, wie ihre Finger sich in seine Jacke krallten.
„Ich dachte, du kommst nicht mehr“, brachte sie hervor.
Jax schloss die Augen.
„Es tut mir leid.“
„Sie hat gesagt, du willst mich nicht.“
Jax öffnete die Augen wieder. Langsam hob er den Kopf und sah über Lilys Schulter hinweg zu seiner Mutter.
„Was hast du zu ihr gesagt?“
Evelyn legte das Brot auf den Tisch, als sei nichts Ungewöhnliches geschehen.
„Du bist ohne Erlaubnis auf mein Grundstück gefahren.“
„Was hast du zu meiner Tochter gesagt?“
„Sie muss lernen, sich zu benehmen.“
Jax stand auf und hielt Lily auf dem Arm. Das Mädchen legte den Kopf an seine Schulter und wagte kaum, Evelyn anzusehen.
„Sie ist fünf Jahre alt.“
„Und sie ist eine Vance.“
„Sie ist ein Kind.“
„Sie ist ein Teil dieser Familie. Und diese Familie hat Regeln.“
Jax blickte auf die Brotstücke im Schmutz. Dann sah er die Hecke an, in der das letzte Stück verschwunden war. Sein Kiefer spannte sich an.
„Du hast sie gezwungen, Essen vom Boden aufzuheben.“
„Ich habe ihr beigebracht, nichts zu verschwenden.“
„Du hast sie auf die Knie gezwungen.“
„Sie hat sich geweigert, mir zuzuhören.“
„Du hast sie hungrig gelassen.“
Evelyn hob das Kinn.
„Wenn du dich um sie gekümmert hättest, müsste ich mich nicht mit solchen Dingen beschäftigen.“
Der Satz traf Jax wie ein Schlag, doch er ließ sich nichts anmerken.
„Du hast mich aus diesem Haus geworfen“, sagte er. „Du hast dafür gesorgt, dass ich keinen Zugang zu meinen Konten hatte. Du hast Anwälte bezahlt, um mich als unzuverlässig darzustellen. Du hast Menschen bedroht, die mir helfen wollten. Und dann hast du behauptet, ich hätte Lily freiwillig zurückgelassen.“
„Du hast das Haus verlassen.“
„Weil du mir gedroht hast, meiner Frau alles wegzunehmen.“
Evelyns Augen wurden schmal.
„Deine Frau war nicht für dieses Leben geeignet.“
„Sprich nicht über sie.“
„Sie hat dich schwach gemacht.“
Jax atmete langsam aus. Er spürte Lilys Hände an seinem Hals. Das Mädchen hatte aufgehört zu weinen, aber sie zitterte noch immer.
„Ich werde dich nicht ein zweites Mal bitten“, sagte er. „Du hältst dich von meiner Tochter fern.“
Evelyn lachte leise.
„Du glaubst, du kannst einfach hier hereinspazieren und sie mitnehmen? Du hast keine Ahnung, was du damit auslöst.“
„Ich weiß genau, was ich auslöse.“
„Du hast keine rechtliche Grundlage.“
„Dann werden wir das vor Gericht klären.“
„Vor Gericht?“ Evelyn trat einen Schritt näher. „Du glaubst, du kannst mich vor Gericht besiegen? Ich kenne Richter, die du nicht einmal in einem Restaurant ansprechen dürftest. Ich kenne Menschen, die dafür sorgen können, dass du alles verlierst.“
„Du hast mir bereits alles genommen.“
„Nicht alles.“
Evelyn sah zu Lily.
„Das Kind gehört zur Familie Vance.“
Jax zog seine Tochter näher an sich.
„Sie gehört nicht dir.“
„Du bist ihr Vater, Jax. Das bedeutet nicht, dass du weißt, was gut für sie ist.“
„Und du bist ihre Großmutter. Das bedeutet nicht, dass du sie besitzen darfst.“
Ein Windstoß strich durch den Hof. Die Blätter der Hecke raschelten. Für einen Moment schien Evelyn nach Worten zu suchen, doch dann kehrte die gewohnte Kälte in ihr Gesicht zurück.
„Du wirst es bereuen“, sagte sie.
Jax wandte sich ab.
„Das habe ich bereits.“
Er ging mit Lily zum Wagen. Doch bevor er die Tür öffnen konnte, hörte er eine Stimme hinter sich.
„Papa?“
Er drehte sich um.
Lily hatte sich von seiner Schulter gelöst. Ihr Gesicht war blass, und ihre großen Augen wanderten zwischen ihm und Evelyn hin und her.
„Was ist, mein Schatz?“
Sie zögerte. Dann senkte sie die Stimme.
„Du musst etwas wissen.“
Jax ging wieder in die Hocke, damit er ihr in die Augen sehen konnte.
„Was denn?“
Lily schluckte.
„Großmutter hat gesagt, ich darf niemandem erzählen, was ich nachts höre.“
Jax spürte, wie ihm der Magen schwer wurde.
„Was hörst du nachts?“
Lily sah zu Evelyn. Die alte Frau stand reglos am Tisch. Ihr Gesicht war noch immer ruhig, aber ihre Finger hatten sich um die Tischkante geschlossen.
„Ich höre sie im Arbeitszimmer“, flüsterte Lily. „Sie telefoniert. Sie sagt, dass Mama nicht zurückkommen darf.“
Jax wurde schlagartig kalt.
Seine Frau, Claire, war vor fast einem Jahr verschwunden.
Damals hatte Evelyn behauptet, Claire sei mit einem anderen Mann durchgebrannt. Sie hatte erklärt, dass Claire das Leben auf dem Anwesen sattgehabt habe und Lily deshalb bei der Familie zurückgelassen hätte. Jax hatte diese Geschichte nie geglaubt, doch die Polizei hatte keine Hinweise auf ein Verbrechen gefunden. Claire war erwachsen gewesen, und ohne Beweise hatte niemand eine Fahndung eingeleitet.





