„Sie sagten, ich hätte zugestimmt, hier zu bleiben“, erzählte Claire. „Sie zeigten mir ein Dokument mit meiner Unterschrift. Ich wusste, dass es gefälscht war, aber niemand hörte mir zu.“

„Warum hast du nicht versucht, zu fliehen?“

Claire sah ihn an.

„Das habe ich. Zweimal. Beim ersten Mal wurde ich an der Straße aufgegriffen. Beim zweiten Mal drohten sie mir, Lily etwas anzutun, wenn ich es noch einmal versuchte.“

Jax spürte, wie sich seine Hände zu Fäusten schlossen.

„Sie hat dir gedroht, unserer Tochter etwas anzutun?“

„Sie sagte, Lily würde in einer Welt aufwachsen, in der niemand ihr glauben würde. Sie sagte, sie könne dafür sorgen, dass du sie nie wieder sehen darfst.“

Claire nahm seine Hand.

„Bitte, Jax. Lass nicht zu, dass sie dich dazu bringt, etwas zu tun, das sie gegen dich verwenden kann.“

Er sah sie lange an.

„Ich werde sie nicht gewinnen lassen.“

„Es geht nicht darum, sie zu besiegen. Es geht darum, Lily zu retten. Und darum, dass wir wieder eine Familie werden können.“

Jax nickte.

„Das werden wir.“

Claire atmete zitternd aus.

„Kann ich sie sehen?“

„Natürlich.“

„Heute?“

„Wenn du bereit bist.“

Claire sah zum Fenster hinaus. Draußen bewegten sich die Zweige eines Baumes im Wind.

„Ich habe Angst, dass sie mich nicht erkennt.“

„Sie erkennt dich.“

„Ich habe Angst, dass sie wütend auf mich ist.“

„Sie ist fünf Jahre alt. Sie hat dich vermisst. Sie wird dich in die Arme schließen, bevor sie überhaupt nachdenken kann.“

Claire lächelte unter Tränen.

„Das klingt nach ihr.“

Sie durften die Einrichtung erst verlassen, nachdem der Prüfer die notwendigen Unterlagen gesichert und eine vorläufige Entlassung organisiert hatte. Rebecca bestand darauf, dass Claire zunächst in einer geschützten Wohnung untergebracht wurde, während die Behörden die weiteren Schritte einleiteten.

Jax wollte sie sofort zum Bauernhof bringen, doch Claire bat um einen kurzen Zwischenstopp.

„Ich möchte etwas holen.“

„Was denn?“

„Die Kopien der Unterlagen. Ich habe sie versteckt, bevor Evelyn mich wegbringen ließ.“

Jax sah sie überrascht an.

„Wo?“

„Im alten Gästehaus. In einer kleinen Metallkassette unter dem Bodenbrett im Schlafzimmer. Ich konnte sie nicht mitnehmen, aber ich habe gehofft, dass ich irgendwann zurückkehren würde.“

Rebecca wurde aufmerksam.

„Wenn die Unterlagen noch dort sind, müssen wir sie rechtmäßig sichern. Wir können die Polizei um Unterstützung bitten.“

Claire nickte.

„Ich will nicht, dass Evelyn sie bekommt.“

„Das wird sie nicht“, sagte Rebecca.

Die Rückfahrt dauerte länger, als Jax erwartet hatte. Claire sprach wenig. Sie saß auf dem Beifahrersitz und hielt die Hände ineinander verschränkt. Immer wieder sah sie in den Rückspiegel, als erwartete sie, dass ein schwarzer Wagen hinter ihnen auftauchen würde.

Jax legte seine Hand auf ihre.

„Du bist nicht mehr dort.“

Claire nickte, doch ihre Finger blieben angespannt.

„Ich weiß.“

„Du musst mir nichts erzählen, bevor du bereit bist.“

Sie sah ihn an.

„Ich möchte dir alles erzählen. Ich möchte, dass du weißt, was passiert ist. Aber manchmal fühlt es sich an, als wäre ich noch immer dort.“

Jax drückte ihre Hand.

„Dann gehen wir langsam.“

Als sie am Bauernhof ankamen, stand Lily vor der Haustür. Marcus hatte ihr gesagt, dass eine Überraschung auf sie wartete, doch er hatte ihr nicht verraten, wer kommen würde.

Claire stieg aus dem Wagen.

Lily sah sie an.

Zunächst bewegte sie sich nicht. Ihr Stoffhase hing schlaff in einer Hand. Sie starrte auf die Frau, die sie aus ihren Erinnerungen kannte, und schien nicht zu begreifen, dass sie tatsächlich vor ihr stand.

Claire ging langsam in die Hocke.

„Hallo, mein Schatz.“

Lily ließ den Hasen fallen.

„Mama?“

Claire nickte. Tränen liefen über ihr Gesicht.

„Ja, mein Engel. Ich bin es.“

Lily rannte los.

Claire breitete die Arme aus, und das Mädchen warf sich hinein. Sie umklammerte ihre Mutter so fest, dass Claire beinahe das Gleichgewicht verlor. Beide weinten. Lily vergrub das Gesicht an Claires Hals, während Claire immer wieder über ihr Haar strich und ihren Namen flüsterte.

„Du bist zurück“, schluchzte Lily. „Du bist wirklich zurück.“

„Ja, mein Schatz.“

„Großmutter hat gesagt, du willst mich nicht mehr.“

Claire schloss die Augen.

„Das war nicht wahr.“

„Sie hat gesagt, du bist böse.“

„Ich bin nicht böse auf dich. Ich habe dich jeden Tag geliebt.“

Lily hob den Kopf.

„Jeden Tag?“

„Jeden einzelnen Tag.“

Das Mädchen legte beide Hände an das Gesicht ihrer Mutter.

„Warum bist du nicht gekommen?“

Claire suchte nach Worten, die ein fünfjähriges Kind verstehen konnte.

„Weil jemand mich daran gehindert hat. Aber ich habe niemals aufgehört, dich zu lieben. Niemals.“

Lily nickte, als müsse sie die Worte tief in sich verankern. Dann legte sie den Kopf wieder an Claires Brust.

Jax stand wenige Schritte entfernt und sah den beiden zu. Er hatte sich jahrelang vorgestellt, wie dieser Moment aussehen würde. In seiner Vorstellung hatte er oft gesprochen, hatte Evelyn konfrontiert, hatte triumphiert.