Jax presste die Hand gegen den Mund.
„Ist sie in Sicherheit?“
„Im Moment ja. Die Einrichtung wird bis auf Weiteres keine Verlegung vornehmen dürfen. Der Prüfer hat außerdem festgestellt, dass mehrere Dokumente unvollständig sind und dass die verantwortlichen Ärzte ihre Einwilligung nicht unabhängig überprüft haben.“
„Kann ich sie sehen?“
Rebecca schwieg einen Moment.
„Sie hat nach Ihnen gefragt.“
Jax schloss die Augen. Tränen stiegen ihm in die Augen, und er musste sich an der Tischkante festhalten.
„Was hat sie gesagt?“
„Sie wollte wissen, ob Lily in Sicherheit ist.“
„Sie ist in Sicherheit.“
„Dann wird sie Sie sehen.“
Jax nahm seine Jacke.
„Ich komme sofort.“
Rebecca hielt ihn zurück.
„Jax, hören Sie mir zu. Sie dürfen nicht erwarten, dass alles sofort wieder so wird wie früher. Claire hat viel durchgemacht. Sie braucht Zeit. Sie braucht Ruhe. Und sie muss das Gefühl haben, dass sie selbst über ihr Leben entscheidet.“
„Ich verstehe.“
„Tun Sie das wirklich?“
Jax sah zu Lily, die auf dem Teppich saß und mit Marcus ein Puzzle zusammensetzte.
„Ich werde es lernen.“
Er fuhr mit Rebecca zur Einrichtung. Diesmal ging er nicht heimlich hinein. Die Türen standen offen, und ein unabhängiger Prüfer begleitete sie durch den Flur. Die Wände waren hell gestrichen, der Boden glänzte, und aus einem Raum drang leise Musik. Alles wirkte sauber und freundlich.
Doch Jax bemerkte die verschlossenen Türen, die Kameras in den Fluren und die Art, wie einige Bewohner den Blick senkten, sobald ein Mitarbeiter vorbeiging.
Rebecca führte ihn zu einem kleinen Besprechungsraum.
„Sie ist hier.“
Jax blieb vor der Tür stehen. Seine Hand zitterte, als er die Klinke berührte.
Dann öffnete er die Tür.
Claire saß am Fenster.
Sie trug eine graue Strickjacke und hielt eine Tasse Tee in beiden Händen. Ihr Haar war kürzer, ihr Gesicht schmaler, und unter ihren Augen lagen dunkle Schatten. Sie sah älter aus, als sie sein sollte. Doch als sie den Kopf hob, erkannte Jax sofort die Frau, die er liebte.
Für einen Moment sagte keiner von beiden etwas.
Dann stellte Claire die Tasse ab.
„Jax?“
Sein Name klang aus ihrem Mund wie eine Frage, die sie sich nicht mehr zu stellen gewagt hatte.
Jax machte einen Schritt auf sie zu, blieb aber stehen.
„Ich bin hier.“
Claire sah ihn an. Ihre Lippen zitterten.
„Du bist wirklich hier.“
„Ja.“
Sie stand auf, langsam und unsicher, als müsste sie erst wieder lernen, ihrem eigenen Körper zu vertrauen. Dann ging sie auf ihn zu.
Jax breitete die Arme aus, doch er wagte nicht, sie sofort zu berühren.
Claire schloss die letzten Schritte selbst und legte die Stirn an seine Brust.
Er hielt sie fest.
Sie weinte nicht laut. Es waren stille, erschöpfte Tränen, die ihre Schultern beben ließen. Jax legte eine Hand an ihren Hinterkopf und die andere um ihren Rücken.
„Es tut mir leid“, flüsterte er.
Claire schüttelte den Kopf.
„Du konntest es nicht wissen.“
„Ich hätte dich finden müssen.“
„Du hast gesucht.“
„Nicht genug.“
Sie hob den Kopf und sah ihn an.
„Hör auf, dich selbst zu bestrafen. Evelyn hat dafür gesorgt, dass niemand mir glaubte. Sie hat mir eingeredet, du hättest Lily verlassen. Sie hat gesagt, du hättest dich gegen mich gewandt und würdest mich nie wieder sehen wollen.“
Jax schloss die Augen.
„Sie hat dir das erzählt?“
„Jeden Tag. Immer wieder. Sie sagte, du hättest eine neue Familie. Sie sagte, Lily sei glücklicher ohne mich. Und irgendwann begann ich zu glauben, dass ich vielleicht wirklich alles zerstört hatte.“
„Nein“, sagte Jax. „Nein, Claire. Du hast nichts zerstört.“
Sie berührte sein Gesicht, als müsste sie sich vergewissern, dass er echt war.
„Wie geht es Lily?“
„Sie ist bei Marcus. Sie ist sicher. Sie vermisst dich.“
Claire brach erneut in Tränen aus.
„Ich habe jeden Tag an sie gedacht.“
„Ich weiß.“
„Ich habe versucht, ihr zu schreiben. Ich habe Briefe geschrieben, aber sie haben sie mir weggenommen. Ich habe versucht, die Mitarbeiter zu bitten, eine Nachricht zu schicken, doch Evelyn hatte alles vorbereitet. Sie sagte, ich dürfe keinen Kontakt haben, weil ich eine Gefahr für Lily sei.“
Jax hielt ihre Hände.
„Du bist keine Gefahr für sie.“
„Ich weiß das jetzt. Aber damals …“ Claire senkte den Blick. „Damals war ich so erschöpft, dass ich manchmal nicht mehr wusste, was wahr war.“
Jax ließ ihr Zeit.
Sie erzählte ihm, wie Evelyn sie nach einem Streit über die Stiftung zu einem angeblichen Familiengespräch eingeladen hatte. Claire hatte geglaubt, sie könne die Unstimmigkeiten erklären und einen Weg finden, die Angelegenheit ohne öffentlichen Skandal zu lösen. Doch als sie im Gästehaus angekommen war, hatte man ihr das Telefon abgenommen. Evelyn hatte ihr gesagt, sie müsse sich ausruhen, weil sie zu viel arbeite.
Am nächsten Morgen war ein Arzt gekommen. Er hatte ihr Fragen gestellt, ohne ihre Antworten ernst zu nehmen. Als Claire sich weigerte, eine Erklärung zu unterschreiben, wurde sie in ein anderes Zimmer gebracht und durfte das Gebäude nicht verlassen.





