Jax ging zum Sofa und kniete sich neben sie.
Lily öffnete die Augen.
„Papa?“
„Ich bin hier.“
Sie setzte sich auf und legte die Arme um seinen Hals.
„Bist du zurückgekommen.“
„Natürlich.“
„Du hast es versprochen.“
Jax hielt sie fest.
„Und ich werde es wieder tun.“
Sie löste sich ein wenig von ihm und betrachtete sein Gesicht.
„Hast du Mama gefunden?“
Er strich ihr über die Wange.
„Ich habe eine Spur gefunden.“
Lily sah ihn lange an.
„Sie ist nicht tot, oder?“
Jax schluckte.
„Nein. Ich glaube nicht.“
Das Mädchen schloss die Augen und lehnte sich an ihn.
„Dann können wir wieder eine Familie sein.“
Jax drückte die Lippen auf ihr Haar.
„Ja“, flüsterte er. „Das können wir.“
Doch tief in seinem Inneren wusste er, dass der Weg dorthin noch voller Gefahren lag.
Am nächsten Morgen traf Jax Rebecca Sloan in ihrem Büro in Albany. Sie war eine Frau Anfang fünfzig, mit kurzen braunen Haaren, einem scharfen Blick und einer Stimme, die keinen Raum für Ausflüchte ließ. Sie hörte sich seine Geschichte an, ohne ihn zu unterbrechen, und studierte anschließend jedes Dokument, das Thomas ihm gegeben hatte.
„Das hier ist ernst“, sagte sie schließlich.
„Können Sie etwas tun?“
„Ja. Aber wir müssen es richtig machen.“
Sie legte den medizinischen Bericht neben die Fotografie von Claire.
„Wenn die Unterschrift gefälscht wurde und Ihre Frau tatsächlich gegen ihren Willen untergebracht ist, dann kommen Freiheitsberaubung, Urkundenfälschung und möglicherweise Betrug infrage. Wir müssen allerdings nachweisen, dass sie nicht freiwillig eingewilligt hat.“
„Sie hat nicht eingewilligt.“
„Das sagen Sie. Wir brauchen eine unabhängige Bestätigung.“
„Wie bekommen wir die?“
Rebecca verschränkte die Hände.
„Wir beantragen eine dringende gerichtliche Überprüfung. Gleichzeitig werde ich die zuständigen Behörden über den Verdacht informieren. Aber ich möchte, dass Sie verstehen, was das bedeutet: Sobald wir offiziell vorgehen, wird Ihre Mutter davon erfahren.“
„Sie weiß bereits, dass ich zurück bin.“
„Dann wird sie vorbereitet sein.“
„Sie ist immer vorbereitet.“
Rebecca sah ihn aufmerksam an.
„Sie haben Angst vor ihr.“
Jax antwortete nicht sofort.
„Ich habe keine Angst vor ihr.“
„Doch. Nicht vor dem, was sie Ihnen antun könnte. Sie haben Angst davor, dass sie Ihrer Tochter wieder etwas antut.“
Er senkte den Blick.
Rebecca nickte langsam.
„Das ist verständlich. Aber Sie dürfen nicht zulassen, dass diese Angst Ihre Entscheidungen bestimmt. Wir müssen Lily schützen, und wir müssen Claire finden. Dafür brauchen wir Beweise, nicht nur Wut.“
Jax atmete tief durch.
„Was brauchen Sie von mir?“
„Alles, was Sie über die Geschäfte Ihrer Familie wissen. Jede Person, die Ihre Mutter bezahlt haben könnte. Jede Firma, die mit ihr verbunden ist. Und vor allem: Wissen Sie, warum Claire nach den Unterlagen gesucht hat?“
Jax dachte nach.
Claire hatte früher in der Buchhaltung eines gemeinnützigen Unternehmens gearbeitet, das von der Vance-Stiftung finanziert worden war. Sie war sorgfältig, aufmerksam und hatte ein besonderes Talent dafür, Unstimmigkeiten zu entdecken. Als sie ihm damals erzählte, dass einige Überweisungen keinen Sinn ergaben, hatte er sie gebeten, vorsichtig zu sein.
Er hatte nicht gewusst, wie weit sie bereits gegangen war.
„Sie hatte etwas in den Konten der Stiftung gefunden“, sagte er. „Sie sagte, Geld sei über mehrere Firmen umgeleitet worden.“
Rebecca hob den Blick.
„Haben Sie noch Unterlagen?“
„Nicht bei mir. Aber ich habe alte E-Mails.“
„Dann besorgen Sie sie.“
Jax nickte.
In diesem Moment vibrierte sein Telefon. Eine Nachricht von Marcus erschien auf dem Display.
Jemand war heute Morgen am Bauernhof. Schwarzer Geländewagen. Zwei Männer. Sie haben nach Lily gefragt.
Jax sprang auf.
„Was ist passiert?“
Rebecca stand ebenfalls auf.
„Was ist los?“
Er zeigte ihr die Nachricht.
Ihr Gesicht wurde ernst.
„Sie wissen, wo Ihre Tochter ist.“
Jax rief Marcus an.
„Ist Lily in Sicherheit?“
„Ja. Ich habe sie in den Keller gebracht, bevor die Männer an die Tür kamen. Sie haben behauptet, sie seien vom Jugendamt. Sie hatten keine Ausweise, und als ich nach ihren Namen fragte, sind sie gegangen.“
„Haben sie das Haus betreten?“
„Nein.“
„Bleib dort. Ich komme.“
„Jax, warte. Ich habe die Polizei verständigt, aber ich weiß nicht, ob ich ihnen trauen kann.“
„Dann vertraue niemandem, bis Rebecca es geprüft hat.“
Er beendete das Gespräch und sah die Anwältin an.
„Ich muss zurück.“
Rebecca griff nach ihrem Mantel.
„Dann komme ich mit.“
„Das ist gefährlich.“
„Ich bin Anwältin, Herr Vance. Gefahr gehört nicht zu meinen Lieblingsbeschäftigungen, aber ich lasse meine Mandanten nicht allein, wenn sie bedroht werden.“
Sie fuhren gemeinsam zum Bauernhof. Auf dem Weg rief Rebecca eine Kollegin an und bat sie, die Namen der beiden Männer über offizielle Kanäle überprüfen zu lassen. Eine halbe Stunde später erhielten sie die ersten Ergebnisse.
Die Männer arbeiteten für eine private Sicherheitsfirma, die seit Jahren Aufträge von Unternehmen der Familie Vance erhielt. Einer von ihnen hatte früher für Evelyns persönliche Sicherheitsabteilung gearbeitet.
„Das ist kein Zufall“, sagte Rebecca.
Jax starrte auf die Straße.
„Sie will Lily zurück.“





