„Hat sie meiner Tochter etwas erzählt?“

„Vielleicht. Claire hat Lily geliebt. Sie hätte ihr niemals absichtlich Angst gemacht.“

„Dann muss ich herausfinden, was Lily weiß.“

Thomas legte ihm eine Hand auf den Arm.

„Tun Sie das nicht allein.“

Jax sah auf die Hand, dann in das müde Gesicht des alten Mannes.

„Ich habe zu lange allein gekämpft“, sagte er. „Aber diesmal werde ich es nicht mehr tun.“

Als Jax die Kirche verließ, war die Nacht vollständig hereingebrochen. Er setzte sich in den Wagen und legte die Unterlagen auf den Beifahrersitz. Dann griff er zum Telefon und rief Marcus an.

„Ich habe eine Spur.“

„Was hast du herausgefunden?“

„Claire lebt möglicherweise in einer Einrichtung namens Hawthorne House. Evelyn hat sie dort unter einem falschen Namen unterbringen lassen.“

Am anderen Ende herrschte Stille.

„Bist du sicher?“

„Nicht hundertprozentig. Aber ich werde es überprüfen.“

„Dann brauche ich die Adresse.“

Jax nannte sie.

„Ich werde jemanden schicken, der sich das Gebäude von außen ansieht“, sagte Marcus. „Du gehst nicht allein hinein.“

„Ich weiß.“

„Nein, Jax. Du weißt es nicht. Du bist wütend, und du hast jedes Recht dazu. Aber wenn du jetzt einen Fehler machst, kann Evelyn ihn gegen dich verwenden. Denk an Lily.“

Jax sah durch die Windschutzscheibe in die Dunkelheit.

„Ich denke an nichts anderes.“

Er legte auf und fuhr los.

Hawthorne House lag fast drei Stunden entfernt. Jax erreichte die Stadt kurz vor Mitternacht. Das Gebäude stand am Ende einer ruhigen Straße, hinter einem hohen Zaun und einer Reihe dunkler Bäume. Von außen wirkte es wie ein gewöhnliches privates Pflegezentrum. Ein Schild am Eingang versprach professionelle Betreuung und diskrete Unterbringung. Die Fenster waren beleuchtet, doch hinter den Vorhängen bewegte sich kaum etwas.

Jax parkte auf der gegenüberliegenden Straßenseite und beobachtete das Gebäude.

Er wollte hineingehen. Er wollte die Türen aufbrechen, durch die Flure stürmen und jeden einzelnen Menschen zwingen, ihm zu sagen, wo seine Frau war.

Doch Marcus’ Worte hielten ihn zurück.

Denk an Lily.

Jax zog sein Telefon hervor und fotografierte das Schild, die Einfahrt und das Nummernschild eines Fahrzeugs, das gerade das Gelände verließ. Dann suchte er online nach dem Namen der Einrichtung. Die Webseite war professionell gestaltet. Sie zeigte freundliche Pflegekräfte, helle Zimmer und lächelnde Menschen in einem Garten.

Doch etwas stimmte nicht.

Die Einrichtung war erst vor vier Jahren gegründet worden. Ihr Geschäftsführer war ein Mann, der zuvor für mehrere Firmen gearbeitet hatte, die mit der Familie Vance verbunden waren. Die Adresse der Verwaltung führte zu einem Büro, das offiziell einem Anwalt gehörte, der Evelyn seit Jahrzehnten vertrat.

Jax rief Marcus erneut an.

„Ich brauche einen Anwalt, dem wir vertrauen können.“

„Ich kenne eine Frau. Sie heißt Rebecca Sloan. Sie arbeitet in Albany und hat sich auf Familienrecht und Vermögensbetrug spezialisiert. Sie ist nicht käuflich.“

„Kann sie uns helfen?“

„Wenn du ihr die Beweise gibst, wird sie es versuchen.“

„Schick mir ihre Nummer.“

Wenige Minuten später hatte Jax sie.

Er rief an, obwohl es mitten in der Nacht war. Nach dem dritten Klingeln meldete sich eine Frau mit müder, aber klarer Stimme.

„Sloan.“

„Mein Name ist Jax Vance. Ich glaube, meine Mutter hält meine Frau gegen ihren Willen in einer privaten Einrichtung fest. Ich habe Dokumente, die auf gefälschte Unterschriften und medizinischen Betrug hindeuten.“

Die Frau schwieg einen Moment.

„Jax Vance? Der Sohn von Evelyn Vance?“

„Ja.“

„Ich habe Ihren Namen schon gehört.“

„Dann wissen Sie wahrscheinlich, dass meine Mutter einflussreich ist.“

„Einflussreich ist nicht dasselbe wie unantastbar“, sagte Rebecca. „Haben Sie Beweise?“

„Fotografien, einen medizinischen Bericht und einen Zeugen.“

„Dann bringen Sie mir alles, was Sie haben. Aber gehen Sie nicht ohne rechtliche Unterstützung in diese Einrichtung. Wenn Ihre Mutter tatsächlich Dokumente gefälscht hat, wird sie alles versuchen, um die Beweise verschwinden zu lassen.“

„Meine Frau könnte dort sein.“

„Und genau deshalb müssen Sie klug vorgehen. Wenn sie dort ist, brauchen wir einen Weg, sie sicher herauszuholen.“

Jax sah wieder zum Gebäude.

„Wie lange wird das dauern?“

„Wenn wir schnell handeln, können wir morgen früh eine dringende Überprüfung beantragen. Aber ich kann Ihnen nichts versprechen, bevor ich die Unterlagen gesehen habe.“

„Ich komme zu Ihnen.“

„Fahren Sie vorsichtig. Und Herr Vance?“

„Ja?“

„Wenn Ihre Mutter wirklich so gefährlich ist, wie Sie sagen, dann wird sie wissen, dass Sie sich bewegen. Schützen Sie Ihre Tochter.“

Jax beendete das Gespräch und fuhr zurück zum Bauernhof.

Als er dort ankam, war es fast drei Uhr morgens. Marcus saß noch immer im Wohnzimmer. Lily schlief auf dem Sofa, in eine Decke gewickelt, eine Hand unter der Wange. Neben ihr lag ein Stoffhase, den Jax ihr vor Jahren geschenkt hatte.

Er blieb einen Augenblick in der Tür stehen.

So viel Zeit hatte er verloren.

Er hatte sich eingeredet, dass er irgendwann zurückkehren und alles wieder in Ordnung bringen würde. Er hatte geglaubt, er könne erst kämpfen, wenn er genug Geld, genug Beweise und genug Einfluss besaß. Währenddessen hatte Lily in einem Haus gelebt, in dem sie lernen musste, Angst vor ihrer eigenen Großmutter zu haben.