Jax hatte Monate damit verbracht, nach ihr zu suchen. Er hatte Privatdetektive engagiert, Krankenhäuser angerufen und jede Spur verfolgt, die auch nur im Entferntesten zu ihr hätte führen können. Er hatte ihre Freundinnen befragt und ihre alten E-Mails durchgesehen. Alles war in einer Sackgasse geendet.
„Lily“, sagte er vorsichtig, „hast du gehört, wo Mama ist?“
Das Mädchen nickte kaum merklich.
„Ich habe Großmutter sagen hören, dass sie noch immer dort ist.“
„Wo dort?“
Lily presste die Lippen zusammen. Ihre Augen füllten sich erneut mit Tränen.
„Ich weiß es nicht. Aber sie hat gesagt, wenn jemand sie findet, wird alles kaputtgehen.“
Jax sah zu seiner Mutter.
Evelyn hatte sich inzwischen von der Tischkante gelöst. Ihr Blick war so hart, dass er fast wie eine Warnung wirkte.
„Das Kind erfindet Geschichten“, sagte sie.
Jax richtete sich langsam auf.
„Warum sollte sie das tun?“
„Kinder wollen Aufmerksamkeit.“
„Sie hat Angst vor dir.“
„Sie ist empfindlich.“
„Sie zittert, wenn du sie ansiehst.“
„Dann solltest du sie vielleicht endlich erziehen.“
Jax spürte, wie etwas in ihm endgültig zerbrach. Nicht seine Wut, sondern der letzte Rest Hoffnung, dass seine Mutter vielleicht noch einen Funken Menschlichkeit besaß.
Er öffnete die Beifahrertür und setzte Lily vorsichtig auf den Sitz. Er schnallte sie an, überprüfte den Gurt und strich ihr über das Haar.
„Bleib hier, mein Schatz. Ich bin gleich zurück.“
„Geh nicht zu ihr“, flüsterte Lily.
„Ich komme sofort wieder.“
Er schloss die Tür und ging zurück in den Hof.
Evelyn wartete bereits auf ihn.
„Du solltest besser gehen.“
„Wo ist Claire?“
„Ich weiß es nicht.“
„Du lügst.“
„Du bist immer noch derselbe Junge, der glaubt, die Welt schulde ihm Antworten.“
„Wo ist meine Frau?“
Evelyn sah ihn lange an. Dann sagte sie mit einer Ruhe, die Jax mehr beunruhigte als ein Schrei:
„Wenn du wirklich wissen willst, was mit Claire geschehen ist, solltest du dich fragen, warum sie dich verlassen wollte.“
Jax trat näher.
„Sie wollte mich nicht verlassen.“
„Du kannst nicht wissen, was sie dachte.“
„Ich kannte sie.“
„Du dachtest, du kanntest sie.“
Er sah in ihre Augen und erkannte dort etwas, das er früher nie hatte sehen wollen: keine Trauer, keine Unsicherheit, nicht einmal Hass. Nur die kalte Überzeugung, dass alles, was sie tat, gerechtfertigt war, solange es die Familie schützte.
„Du hast etwas mit ihrem Verschwinden zu tun“, sagte er.
Evelyn lächelte schwach.
„Beweise es.“
Jax hätte sie am liebsten am Kragen gepackt und gezwungen, ihm die Wahrheit zu sagen. Doch er wusste, dass genau das ein Fehler wäre. Evelyn lebte von Fehlern, die andere machten. Sie sammelte sie, bewahrte sie auf und benutzte sie, wenn sie sie brauchte.
Er wandte sich ab.
„Ich werde die Wahrheit herausfinden.“
„Du wirst gar nichts herausfinden“, sagte Evelyn. „Du hast keine Macht mehr.“
Jax blieb stehen, ohne sich umzudrehen.
„Du verwechselst Macht mit Angst.“
Dann ging er zum Wagen zurück.
Als er einstieg, sah Lily ihn mit weit geöffneten Augen an.
„Fahren wir jetzt nach Hause?“
Jax startete den Motor.
„Ja, mein Schatz. Wir fahren nach Hause.“
Er legte den Gang ein, doch bevor er losfuhr, blickte er ein letztes Mal zum Herrenhaus. Hinter einem Fenster im ersten Stock bewegte sich ein Vorhang. Eine Gestalt stand dahinter und beobachtete ihn.
Jax konnte nicht erkennen, wer es war.
Doch er hatte das Gefühl, dass das Anwesen ihn nicht einfach gehen lassen würde.
Er hatte recht.
Noch bevor sie die Hauptstraße erreichten, klingelte sein Telefon. Auf dem Display erschien eine unbekannte Nummer.
Jax nahm den Anruf entgegen, ohne den Blick von der Straße zu nehmen.
„Vance.“
Am anderen Ende herrschte für einen Moment Stille. Dann hörte er eine Männerstimme, die kaum mehr als ein Flüstern war.
„Sie haben das Mädchen mitgenommen?“
„Wer ist da?“
„Hören Sie mir gut zu. Sie dürfen nicht nach Hause fahren.“
Jax’ Hände verkrampften sich am Lenkrad.
„Wer sind Sie?“
„Jemand, der zu lange geschwiegen hat.“
„Wenn Sie etwas wissen, dann reden Sie.“
„Ihre Mutter wird nicht zulassen, dass Sie das Kind behalten. Sie wird noch heute Abend handeln.“
Jax sah in den Rückspiegel. Lily saß still auf dem Beifahrersitz und hielt beide Hände im Schoß.
„Was meinen Sie mit handeln?“
„Sie hat bereits die Polizei angerufen. Sie wird behaupten, Sie hätten Lily entführt. Sie wird sagen, Sie seien gewalttätig und instabil. Sie hat Dokumente, die das belegen sollen.“
Jax presste die Zähne zusammen.
„Das ist absurd.“
„Für Sie vielleicht. Für die Menschen, die sie bezahlt hat, nicht.“
„Wer sind Sie?“
„Mein Name ist Thomas Reed. Ich arbeite seit achtzehn Jahren auf dem Anwesen. Ich habe gesehen, was sie mit Claire gemacht hat.“
Jax trat so abrupt auf die Bremse, dass der Wagen am Straßenrand zum Stehen kam.
„Was haben Sie gesagt?“
„Ich kann nicht lange sprechen. Sie müssen an einen sicheren Ort. Und Sie müssen mir versprechen, dass Sie nicht versuchen, allein zurückzukommen.“





